Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Sonntag, 17. Januar 2016

Die Kirche in Rudau


Die Kirche Rudau auf einem Stich von ca. 1840

Auch wenn dieses Bild etwas idealisiert erscheint, so gibt es doch die Lage der Kirche ziemlich realistisch wieder: auf einem ehemaligen Burghügel gelegen, der schon zu prußischer Zeit ein gut zu verteidigender Wohnplatz war. Im Mittelalter entwickelte sich ein Dorf auf der anderen Seite des Hügels. Der Mühlteich wurde schon zu Beginn des Ordensstaates angelegt, um die Wassermühle zu betreiben, die im obigen Bild nur knapp angedeutet an der Horizontlinie in der Bildmitte zu erahnen ist. Die Mühle wurde Mitte des 18. Jh. von der Familie Schadwinkel erworben, die sie bis 1945 betrieb.

Rudau lag circa 15 Kilometer nördlich von Königsberg, etwa auf der Hälfte des Weges nach Cranz. Erstaunlich finde ich, dass es in diesem kleinen Dorf schon seit ältester Zeit vier Gasthäuser gab: den Rothen, den Weißen und den Blauen Krug. Hinzu kam noch ein Amtskrug, der Mitte des 18. Jh. an die Müllerfamilie Schadwinkel verkauft und von dieser verpachtet wurde. Die "bunten" Krüge gehörten ursprünglich den adeligen Gutsherren in der Nachbarschaft Rudaus. Nach und nach wurden auch diese an die bürgerlichen Pächter verkauft. 1789 übernimmt Johann Michael KOLLWITZ, der Urgroßvater von Dr. Karl Kollwitz*), den Blauen Krug in Rudau. Friedrich August KOLLWITZ, der Vater von Dr. Karl KOLLWITZ, bewirtschaftet bis zu seinem frühen Tode 1869 den Blauen Krug.

Nachfolgend Auszüge aus: "Das westliche Samland" von Oscar Schlicht, Dresden 1922
 
>> Rudau und seine Kirche
Als einen wesentlichen Bestandteil der alten Rudauer Burg haben wir die auf ihren Kellerfundamenten erbaute Kirche anzusehen. Die Erwähnung einer Pfarrkirche in Rudau im Jahre 1339 führte zu der Annahme, dass eine solche früher an anderer Stelle gestanden habe, wofür aber nicht die geringsten Spuren vorhanden sind. Diese alte Rudauer Kirche war keineswegs ein selbständiges Gebäude, sondern die Burgkapelle des Ordenshauses diente den gottesdienstlichen Zwecken der Bewohner des Kammeramtes. Die frühere bis 1818 benutzte Rudauer Kirche wird dann durch Verbindung verschiedener Burgräume mit der Kapelle entstanden sein, ohne dass wir über den Zeitpunkt dieses Umbaus unterrichtet sind. Die Zerstörung dieser Kirche erfolgte durch den berüchtigten Orkan vom 17./18. Januar 1818, der den Turm auf das Langhaus warf, dieses, wie auch das Kircheninnere fast völlig vernichtend. Einer größeren Zerstörung war die Kirche aber bereits am 20. August 1764 ausgesetzt: von ihr meldet der Kirchenchronist: "Der Herr redete im Zorn mit den Rudauern und beschädigte die Kirche sehr stark." Auch vor einigen Jahren wurde die Kirche vom Blitz getroffen, der an den Drähten der Gipsdecke, und, ohne weiteren Schaden anzurichten, rund um das Innere des Langhauses lief. Seine Spuren sind noch deutlich zu erkennen.
Mancherlei Teile der Kirche erinnern noch an die Ordenszeit, so vor allem die unter der Kirche befindlichen tiefen festen, leider verschütteten Kellergewölbe. Auch die westliche und nördliche Kirchenmauer sind noch Teile der alten Burg. Eine Nische innerhalb der Kirche in der nördlichen Mauer diente in katholischer Zeit zur Aufbewahrung der Prozessionsfahnen. Besonders gut erhalten ist die nach Westen gelegene, mit schönen Kreuzgewölben versehene Vorhalle. Alt ist auch die innere Eingangstür zur Kirche, ferner der granitene Taufstein mit seiner Taufschale aus dem 17. Jh. An die erste christliche Zeit erinnern zwei am Eingang zur Vorhalle liegende Weihwassersteine.
Die Kirche in ihrer jetzigen Gestalt in nach dem Einsturz in den Jahren 1820-24 erbaut, sie kann demnach in Kürze ihre Jahrhundertfeier begehen. Die Reparatur des vermutlich aus dem alten Burgturm hervorgegangenen Turmes wurde erst 1828 beendet. Im allgemeinen ist die Kirche ein ziemlich schmuckloser Bau, die hohe Lage über dem zu ihren Füßen liegenden Teich verschafft ihr jedoch eine recht eindrucksvolle Wirkung.
...
Das Kirchdorf Rudau, 1274 erstmals urkundlich erwähnt, erfreut sich in dieser wasserreichen Gegend einer besonders lieblichen Lage. Am 4. September 1797 wurde das Dorf durch Feuer, das innerhalb einer Viertelstunde dreiundzwanzig Gebäude, darunter die gefüllten Scheunen, ergriff, fast total zerstört. Bei dem Brand kamen auch zwei Menschen ums Leben. Bemerkenswert ist, dass sich früher in Rudau ein adeliges Frauenstift, das zwei adeligen und einer bürgerlichen Person Aufenthalt bot, befand. Die alte Kirchschule hat zurzeit drei Klassen. Die Entwicklung Rudaus war bisher eine recht günstige; bedauerlich bleibt, dass es durch Schuld der damaligen Gemeindevertreter gelegentlich des Baues der Cranzer Eisenbahn nicht Bahnstation wurde. Noch 1830 bestand der Ort, außer der Mühle und dem Krug, nur aus fünf Käthnerwirtschaften mit insgesamt etwa 200 Einwohnern. Diese Zahl stieg 1844 auf 283, 1858 329, 1895 493 und 1919 auf 713 Personen. ... Jetzt hat Rudau vier Gasthäuser... <<
 
Ergänzend zu diesen Angaben findet man im Kirchenbuch Rudau kurze Aufzeichnungen des Pfarrers PAARMANN (1723-1806) zur Geschichte der Kirche und des Dorfes. Hier meine buchstabengetreue Abschrift:

Ao. 1764 d. 20. Aug. Montags da sich in den Morgenstunden von 3 bis 5 Uhr verschiedene schwere Ungewitter hören ließen; hat der starke und gnädige Gott auch mit unß Rudauern u. seinem Hause im Zorn geredet, in dem zwischen 4 u. 5 Uhr bey den fürchterlichsten u. entsetzlichsten Blitzen u. gleich erfolgenden härtesten Schlägen es in unsern Kirchen-Thurm, die Glocken vorbey, geschlagen. Das Eichen-Ständer-Holtz lag um die Kirche herum u. auch oben auf dem Boden, der Verschlag von Brettern am Thurm war weit u. breit im Dorfe herumgeflogen. Das Kirchen-Dach von
beiden Seiten (da die Seite nach Süd-Ost nur kurtz vorher eines Theils neu belattet, gedeckt u. verworfen worden) ist sehr beschädiget u. zerrissen; auf der Nord-West Seite, wo mit Bieber-Schwäntzen gedeckt, hat der Strahl aus dem Thurm längst der Giebel-Ecke herunter alles abgeschmettert, endl. durch das Dach u. Gewölbe in des Giebels Ecke gegen Nord-West bis in die Kirche hinter der Orgel herunter gedrungen. Das Chor lag in der Gegend voller Gruß u. Kalck gesprenget. Die zwey hohen Kinder Bancken so am Giebel hinter der Orgel fest anstanden, waren loß gerißen und verrückt. Die Kirche war bey der ersten Eröffnung ziemlich voll Dampf u. Schwefel-Geruch. Das eben zu haltende Montags-Gebeth ward von den schreckensvollen Einwohnern zahlreich besuchet. Unser Hr. Pfarrer Paarmann hielt seinen Vortrag über Psalm 2 u. 5.

Anno 1797 den 4ten Septmbr. erlebten Rudaus Einwohner ein viel traurigeres Schicksal, als ihr Gotteshauß gegenüber am Mondtage kurz vor 10 Uhr vor Mittage gerieth der Schoorstein im rothen Kruge in Brannd, die Flamme ergriff das Strohdach und griff so plötzl. um sich, daß in ¼ Stunde das ganze Dorf, wenige Häuser die entlegen ausgenommen, in den Flammen stand, und in einer ganzen Stunde, wegen entsetzlicher Hütze, Dürre und starkem Winde in der Asche lag. 23 Gebäude mit Inbegriff vor wenigen Tagen angefüllten Scheunen wurden ein Opfer der Flammen. Die Kirche branndte an zween Ecken, wurde aber durch das zugeströmte Volck gerettet. Zwey Persohnen, als eine Schulhalterwittwe ud. eine Stiftsjungfer bleiben in den Flammen. Von erstere wurde circa 8 - von letzterer kaum 1 &? gefunden u[n]d beerdiget. Das Elend war groß - unbeschreiblich groß!
Eltern suchten ihre Kinder, u[n]d diese suchten jene, forderten Brodt, und war – keins da. Milde Beyträge, besonders E. Königsbergischen resp. Publicum wischten denen Unglückl. die Thränen ab – u[n]d allen Segenswünschen Ihren unbekannten Wohlthätern dafür Rudaus dankbare Empfänger.

Im April 2015 habe ich Rudau besucht (heute: Мельниково - Melnikowo). Die Kirche hatte den Krieg unbeschadet überstanden, wurde von sowjetischen Kolchosen als Lagerraum genutzt und blieb so bis Ende der 1980er Jahre einigermaßen erhalten. Nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Landwirtschaft verfiel der ehemalige Sakralbau sehr schnell. Heute findet man eine immer noch beeindruckende Ruine auf dem Hügel über dem Dorf vor. Beim Besichtigen hatte ich noch keine Kenntnis über die Baugeschichte. Daher wunderte ich mich über die eigenartige Mischung von Ziegeln und Feldsteinen im Mauerwerk. Ganz offensichtlich sind die Reste alter Burgmauern darin enthalten.

Fast der gesamte Hügel mit dem früheren Friedhof ist mit Asphalt planiert und diente zur Sowjetzeit als Abstellplatz für landwirtschaftliche Maschinen, Geräte und Fahrzeuge. Eine Auswahl von Fotos:
 
Die Kirchenruine von Süden, rechts das Dorf
 

Die Nordseite
 
Durchblick von Norden
 











Blick vom Dorf aus auf die Giebelseite der Kirche
 

Der Innenraum mit Blick auf den Turm und den Ausgang
 
Beeindruckendes Mauerwerk
Zur Kirchengemeinde Rudau gehörten folgende Ortschaften:
Blaublum, köllmisches Gut

Nadrau,
adeliges Vorwerk, zu Kirschnehnen

Cranz
(bis zur Ausgliederung als selbständige Gemeinde 1877)


Nautzau, adeliges Vorwerk, zu Grünhoff
Dammwalde, kgl. Försterei

Perkuiken,
adeliges Vorwerk, zu Mischen

Dollkeim, bäuerliches Dorf

Pluttwinnen, adeliges Gut
Eisselbitten, adeliges Gut

Ringels,
adeliges Vorwerk, zu Kirschnehnen

Ekritten, adeliges Vorwerk, zu Maldaiten

Rosehnen, bäuerliches Stranddorf
Friedrichswalde, adeliges Gut

Rudau, Kirchdorf
Gerstehnen, adeliges Gut

Sandhof, adeliges Gut
Heybüchen, köllmisches Gut

Saßlauken, köllmisches Dorf
Jaxen, köllmisches Gut

Sergitten,
adeliges Vorwerk, zu Kirschnehnen

Kirschnehnen, adeliges Gut

Sprintdorf, zu Mischen
Kemsie, zu Maldaiten

Sporwitten, adeliges Gut
Maldaiten, adeliges Gut

Tiedtken, Försterei, zu Maldaiten
Michelau, köllmisches Dorf

Wargenau, köllm. u. bäuerl. Dorf
Mogahnen, bäuerliches Dorf

Weischkitten, köllm. u. bäuerl. Dorf
Wittehnen, adeliges Vorwerk, zu Maldaiten
 
Die Erläuterungen zu den Orten (z.B. adeliges Gut) geben den Stand etwa Mitte des 19. Jh. wieder. Aus den damaligen sogn. adeligen Gütern wurden in der Neuzeit die sogn. Rittergüter, die nach der Preußischen Landreform 1807 auch von bürgerlichen Besitzern erworben werden konnten. Aus jenen Orten, die früher als sogn. Vorwerke zu größeren Gütern gehörten, wurden später oft selbständige Besitzungen.
 
>> Die Kirche gelangte unversehrt über den Krieg und wurde danach bis in die 1980er Jahre als Getreidetrocknungshalle genutzt. Mangels Wartung wurde das Dach undicht und die Pfarrkirche von Rudau ist seitdem im Verfall begriffen: die Balkendecke fehlt und das Dach befand sich schon 1991 im Stadium des Abbruchs und ist inzwischen vollständig verloren. Innen an der südlichen Wand des Kirchenschiffs erkannte man damals noch Bemalungen auf der Barockumrahmung eines Epitaphs und es existierte noch die Grabplatte für Margarete Gaudecker (gest. 1596) mit der eingravierten Gestalt der Verstorbenen. Die Tür der Vorhalle war ausgebaut und 1990 dem Kunsthistorischen Museum Kaliningrad übergeben worden. <<
__________________

 
*) Dr. Karl KOLLWITZ, *13. Juni 1863 in Rudau, †19. Juli 1940 in Berlin, Arzt und Ehemann der Zeichnerin und Bildhauerin Käthe KOLLWITZ.
 
 
 

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