Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Glockenbesuch in Litauen


Das Jahr 2018 geht zu Ende und ich habe noch nicht von meiner Sommerreise berichtet, die dieses Jahr nicht nur nach Polen, sondern bis nach Litauen führte. Im Sommer 2017 hatten mich litauische Glockenkundler informiert, dass man eine Glocke meines Glockengießer-Urahns Heinrich von Schwichel gefunden habe.


Kirche Thierenberg
Nach gründlichen Recherchen stellte sich heraus, dass die in der Kirche von Ramygala in Litauen befindliche Glocke bis 1945 in der Kirche Thierenberg im Samland hing. Sie wurde im Jahre 1522 gegossen. Das hohe Alter und der kulturhistorische Wert bewarten sie vor dem Einschmelzen für Rüstungszwecke im 1. und 2. Weltkrieg. Die Kirche Thierenberg wurde 1946 von den Russen abgerissen, weil sie einem geplanten Militärgelände im Weg stand und die Ziegel für Bauprojekte gebraucht wurden. Ich glaubte daher, die Glocke sei vernichtet worden. https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_Thierenberg


In Medenau, im südwestlichen Samland, hingen ebenfalls Glocken von Heinrich von Schwichel aus dem Jahre 1521. 1947 versuchten die Russen dort an die Glocken heranzukommen und legten dazu Feuer im Turm der völlig unversehrten Kirche. Seit dem ist die Kirche Medenau eine klägliche Ruine und die Glocken wurden vernichtet. https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_Medenau


Grundsätzlich war es so, dass die Sowjets im eroberten Ostpreußen keine Kirchenglocken mehr vorfanden. In der Regel mussten während des Krieges alle Glocken für die Kriegsrüstung abgeliefert werden. Nur ganz wenige, kulturhistorisch besonders bedeutende Glocken verblieben in den Kirchen. Diese alten Glocken erlitten dann meistens ein ähnliches Schicksal wie die Glocken von Medenau.


Die Nachricht aus Litauen über eine Glocke von Heinrich hat mich daher völlig überrascht. Nach Überprüfung von Fotos und Vergleichen mit alten Glockenbeschreibungen war klar: es ist eindeutig eine Glocke von Heinrich von Schwichel und sie hing früher im Kirchturm von Thierenberg in der Mitte des westlichen Samlandes.


Im Jahre 1917 musste der Landeskonservator von Ostpreußen Richard Dethlefsen die Kirchengemeinden, in denen noch Glocken verblieben waren, auffordern, einen Fragenkatalog zu den Glocken zu beantworten, anhand dessen beurteilt werden sollte, welche dieser Glocken noch für den Krieg zu opfern waren. Aus der Antwort der Gemeinde Thierenberg erschließen sich folgende Angaben:

  • die Glocke klingt auf den Ton e
  • größter Durchmesser 1,33 Meter
  • Höhe ohne Krone 0,94 Meter
  • Höhe der Krone 0,25 Meter
  • Gewicht über 25 Zentner [also mehr als 12,5 Tonnen]

Nach meinem ersten Besuch bei einer Glocke von Heinrich im Jahre 2013 im nördlichen Polen, von der ich bis 2017 glaubte, sie sei die einzige Glocke, die bis heute überdauert hat, lockte nun die neu entdeckte Glocke in Litauen zu einem Besuch. Nach langen Jahren der Forschung, in der es darum geht, in alten schwer entzifferbaren Papieren weiterführende Informationen zu finden, ist es ein ganz besonderes Erlebnis, durch den Klang einer Glocke über eine akustische Brücke mit einer so fernen Epoche vor 500 Jahren und einem faszinierenden Urahn in Verbindung zu treten.
Am 9. August 2018 fuhr ich los in Richtung Polen. Als erstes Übernachtungsziel steuerte ich Olsztyn (Allenstein) an. Am Abend fanden wir eine angenehme Unterkunft an einem See vor Olsztyn. Das Bad im See nach einem heissen Tag mit über 30 Grad war ein erfrischender Genuss. Am nächsten Tag ging es weiter von Olsztyn über Mikołajki (Nikolaiken) und Suwałki bis zur litauischen Grenze und dann weiter über Marijampole nach Kaunas.


Kaunas

Kaunas
In Kaunas haben wir uns am Abend in der Altstadt mit einem Mitglied der litauischen Campanologenvereinigung (Glockenkundler) getroffen, der für den nächsten Tag den Besuch bei der alten Glocke in Ramygala organisiert hatte.
Ramygala liegt etwa 100 Kilometer nördlich von Kaunas. Am Samstag, den 11. August, trafen wir in Ramygala mit anderen Campanologen zusammen. Der Pfarrer der katholischen Kirche begrüßte uns mit einem herzlichen 'Grüß Gott' und geleitete uns in den Turm. Die Glocke wird nicht wie üblich geläutet, indem man die Glocke bewegt. Aufgrund der Größe, des Gewichts und wegen statischer Bedenken bewegt man nur den Schlegel durch eine besondere Mechanik. Der Schlegel ist einerseits für das normale Läuten durch ein über Rollen geführtes Seil zu bewegen. Anderseits ist auch eine Uhr mit dem Glockenschlagwerk verbunden, die mechanisch den Stundenschlag auslöst.
Kein automatischer Alternativtext verfügbar.Nach einer genauen Besichtigung der großen Glocke durfte ich läuten. Ein machtvoller Ton erfüllte den Turm und ließ alle Aufnahmegeräte beinahe kollabieren. Ich war tief beeindruckt. Das war nun also eine zweite akustische Brücke über die Jahrhunderte zu Heinrich von Schwichel. Es bedurfte vieler Versuche, wie die Glocke anzuschlagen ist, dass ein voller Ton hörbar wurde, der ohne Verzerrungen und Übersteuerungen auf das Aufnahmegerät kam. Der größtmögliche Abstand zwischen Aufnahmegerät und Glocke führte dann zu einem halbwegs zufriedenstellenden Ergebnis.

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.
Wir erfuhren von Gerüchten, wie die Glocke nach Litauen gelangte: man erzählt sich, dass Litauer mit Beziehungen zur sowjetischen Militärverwaltung im besetzten Ostpreussen irgendwie davon erfuhren, dass in Thierenberg eine Kirche abgebrochen wurde und dass es dort noch eine Glocke gäbe. Angeblich habe man mit einigen Flaschen Wodka die Glocke aus Thierenberg für die litauische Kirche organisieren können. Wie man in den chaotischen Jahren direkt nach dem Ende des zweiten Weltkrieges eine viele Tonnen schwere Glocke 300 Kilometer über schlechte Straßen wohlbehalten nach Nordosten transportiert hat, bleibt ein Rätsel oder zeugt von der Kraft des Glaubens jener Litauer, die trotz Krieg und Sozialismus ihrer Kirche die Treue hielten.

Bild könnte enthalten: Himmel, Wolken, Baum und im Freien
Kirche Ramygala
Auch auf litauischem Gebiet wurden in den Kriegszeiten sehr viele Glocken für Rüstungszwecke beschlagnahmt. Aus diesem Grunde fehlte in der Kirche von Ramygala das Geläut und erhielt würdigen Ersatz aus 'Feindesland'. Auf einer Urkunde aus dem Jahr 1947 wird die feierliche Glockenweihe in Ramygala bestätigt. Wie auch immer, ich bin glücklich, dass auf diese Weise eine weitere fast 500 Jahre alte Glocke von Heinrich überlebt hat. Wenn man das Schicksal der Glocken von Medenau bedenkt, rechne ich mit keiner weiteren großartigen Entdeckung von Heinrichs Werken.


Der Tag des Glockenbesuch in Ramygala war der erste und einzige nach langer Zeit (11. August), der etwas kühler (nur 24 Grad) und etwas regnerisch war. Wir kehrten zurück nach Kaunas, besichtigten die Burg und bummelten noch einmal durch die lebendige Altstadt. Am folgenden Tag setzten wir unsere Reise nach Vilnius fort. Wenn man schon mal in Litauen ist, darf man einen Besuch in Vilnius auf keinen Fall auslassen. Vilnius bietet eine wunderschöne Altstadt mit einer unfassbaren Menge an Kirchen jeder Stilepoche und Glaubensrichtung. Das Wetter war wieder sonnig und strahlend mit erträglichen Temperaturen.

Vilnius, Aušros Vartai („Tor der Morgenröte“)
Vilnius, St.Anna, Meisterwerk litauischer Gotik











Dann ging es zurück nach Polen. Wir wollten noch einmal die zuerst entdeckte Glocke von Heinrich besuchen, die im Jahre 1518 für eine Kapelle in Marienthal bei Drengfurth gegossen wurde (heute Kosakowo). Die Kapelle wurde zwar während eines Tatareneinfalls im Schwedisch-Polnischen Erbfolgekrieg 1657 zerstört. Die Glocke blieb auf wundersame Weise erhalten und erhielt einen provisorischen Holzturm, in dem sie heute noch hängt. Am 15. August, dem Tag Mariae Himmelfahrt, haben wir das 500-jährige Jubiläum mit einem Marienläuten gefeiert.


In den folgenden Tagen erkundete ich noch etliche Schlösser, Herrenhäuser und Kirchen in der Grenzregion zum russischen Oblast. In früheren Jahren war das nie ein Problem. Die zunehmenden Spannungen zwischen West und Ost führen offenbar zu einem strengeren Grenzregime auf polnischer Seite. Ich wurde von polnischen Grenzsoldaten kontrolliert und ermahnt, dass ich mich strafbar mache, wenn ich mich ohne besondere Genehmigung der Grenze nähere und dort fotografiere. Während der Kontrolle befand ich mich auf dem ehemaligen Gutshof Heiligenstein, heute Święty Kamień. Mich interessierte nicht im mindesten die Grenze. Ich war auf den Spuren kulturhistorischer Überreste. Ich wollte keine Grenzanlagen ausspionieren. Nach der Kontrolle durfte ich weiterfahren nach Assaunen und Moltainen, wo mich die Kirchen interessierten. In den nächsten Tagen folgte dann die Rückfahrt Richtung Berlin.

Hier der Bericht über meinen ersten Glocken-Besuch in Marienthal: https://genealogischenotizen.blogspot.com/2013/10/besuch-bei-einer-alten-glocke.html

Scheunenturm Gut Heiligenstein
 



Kirche Assaunen / Kreis Gerdauen
Taufengel Kirche Barten
 
Grabkreuze an der Kirche Lindenau/Kreis Gerdauen

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Not- und Hungerjahre in Ostpreußen nach 1815 und ein Vulkanausbruch in Indonesien

Aus verschiedenen Quellen erfahre ich von Notjahren nach 1815: in der Landwirtschaft gibt es Missernten, das Wetter ist ungewöhnlich schlecht, zuviel Kälte und Regen, ungewöhnlich spät einsetzende Frühjahrs- und Tauwetterzeiten, die eine rechtzeitige Aussaat verzögern, zu frühe Wintereinbrüche, die eine Einbringung der bescheidenen Ernte oft verhindern. Die Verwaltungen beklagen Steuerrückstände und eine steigende Zahl von 'Subhastationen' bei Gütern und Höfen, also Zwangsversteigerungen. Schauen wir direkt in einen zeitgenössischen Bericht: 

> Der Bezirk des Amts Grünhoff liegt zwischen den Aemtern Schaacken, Caporn, Fischhausen, der Ostsee und grenzt an das Kurische Haf.

     Der jetzige Nahrungs- und Wirthschafts-Zustand der gedachten Amts-Einsaßen ist schlecht und sinkt mit jedem Jahre mehr.

     Der Grund dürfte in seit mehreren Jahren stattgefundenen Miswachs-Erndten und hauptsächlich in der allgemeinen Senkung des Handels-Verkehrs, wodurch die Geldmittel immer weniger werden, zu finden seyn.

     Außer der Fischerey-Nutzung in der Ostsee, welche von den Dörfern Crantzkuhren, Neukuhren und einigen einzelnen Eigenthümern in anderen Dörfern betrieben wird, die aber auch keinen ergiebigen Gewinn liefert, ist das Haupt-Gewerbe der Einsaaßen reiner Akkerbau, und da dieser, wie erwehnt, seit mehreren Jahren schlecht ausgefallen ist, und der Handels-Verkehr immer mehr sinkt, so muß die Dürftigkeit der Einsaaßen mit jedem Jahre fühlbarer werden; selbige sind jetzt schon in der traurigen Lage, ihre bedeutende laufende Abgaben nicht entrichten zu können, versinken mit jedem Jahre tiefer in Schulden und ihre Subsistence wird um so schwankender, als die Erwerbs-Quellen erschöpft sind und sie keine Aussicht haben, jemals wieder empor zu kommen.<
Aus: GStAPK, XX. HA, PT 10 Grünhoff (1823),  Praestationstabelle des Amtes Grünhoff 

Aus der Feder eines nüchternen Verwaltungsbeamten ist dieser Bericht sicherlich nicht als übertrieben zu werten. Im Gegenteil: das klingt alarmierend und dramatisch und steht in starkem Kontrast zu früheren Jahrgängen, wo in den Praestationstabellen überwiegend über gute Erträge und ordentliche Lebensbedingungen berichtet wird. Vor allem im mittleren bis östlichen Samland (Kirchspiele Powunden, Laptau, Rudau, Schaaken, Caymen) ist der Boden recht gut und liefert sehr zufriedenstellende Erträge. Nur gelegentlich wird von Seuchen berichtet, die die Viehbestände dezimieren und es in der Folge auf einigen Höfen an Pferden, Kühen oder Schafe fehlt, was aber nach einigen Jahren wieder ausgeglichen ist. Wenn zu wenig Getreide geerntet wird, wenn nicht genügend Heu für den Winter eingebracht werden kann, dann hungern Menschen und Vieh. Wenn man im Frühjahr das für die Aussaat vorgesehene Getreide für das eigene Überleben im Winter verbraucht hat, steht es sehr schlecht und man muss auf Kredit teuer dazukaufen.

In anderen Gegenden Ostpreußens wird gar von Hungersnöten in den Jahren um 1816 berichtet. 

Wenn man diese Berichte in Bezug setzt zu ähnlichen  Nachrichten aus anderen Regionen und Weltgegenden, gelangt man zu einem verblüffenden und erschreckenden größeren Bild:
In Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern. Zahlreiche Flüsse (unter anderem der Rhein) traten über die Ufer. In der Schweiz schneite es im Juli bis in tiefe Lagen. Durch die geringere Schneeschmelze im Vorjahr und die angesammelten zusätzlichen Schneefälle zum Beispiel in den Alpen führte die Schneeschmelze örtlich zu katastrophalen Überschwemmungen.
Der Getreidepreis erreichte im Folgejahr (1817) das Anderthalbfache des Niveaus von 1815. Am stärksten betroffen war das Gebiet unmittelbar nördlich der Alpen: Elsass, Deutschschweiz, Baden, Württemberg, Bayern und das österreichische Vorarlberg. Hier erreichte der Getreidepreis im Juni 1817 das Zweieinhalb- bis Dreifache des Niveaus von 1815. An einzelnen abgelegenen Orten wurde auch das Vierfache erreicht.
In Osteuropa (geprägt vom Kontinentalklima) und Skandinavien waren dagegen kaum Auswirkungen feststellbar. So stieg in Polen der Getreidepreis von 1815 bis 1817 wegen der verstärkten Exportnachfrage um lediglich ein Viertel.

Wissenschaftler machen dafür den Ausbruch des Vulkans Tambora im April 1815 verantwortlich. Der Vulkan Tambora liegt auf der indonesischen Insel Sumbawa. "Der Vulkanausbruch förderte 160 Kubikkilometer Tephra und hinterließ eine 7 Kilometer große Caldera, als der Gipfel des Vulkans nach der Eruption einstürzte. An den unmittelbaren Folgen des Ausbruches starben ca. 12.000 Menschen. An den Spätfolgen der Eruption starben mindestens 71.000 Menschen. Sie wurden Opfer des vulkanischen Winters, der 1816 weite Teile von Nordamerika und Europa im Griff hatte und durch den Ausbruch ausgelöst wurde. Asche und Schwefelsäure-Aerosole verteilten sich global und ließen die globalen Durchschnittstemperaturen im Folgejahr der Eruption um 3 °C sinken. Chaotische Wetterverhältnisse, Missernten und dadurch bedingte Hungersnöte waren die Folgen. Das Jahr 1816 ging als 'Das Jahr ohne Sommer' in die Analen der Geschichtsbücher ein."

Obwohl Ostpreußen aufgrund seiner Lage am Rande der osteuropäischen Kontinentalklimazone noch am wenigsten betroffen schien, waren auch dort die Auswirkungen noch deutlich spürbar wie der oben zitierte Bericht belegt.

Bemerkenswert ist, dass es noch jahrzehnte nach dem Vulkanausbruch zu merklichen Veränderungen im Tageslicht kam. Besonders ausgeprägt war dies abends und morgens, da die Sonnenstrahlen dann auf ihrem langen Weg durch die Atmosphäre auf erheblich mehr Partikel stießen, dadurch gestreut wurden und überwiegend die langwelligen Anteile des Lichtspektrums beim Betrachter ankamen. Die biedermeierlichen Sonnenuntergänge in Europa waren von nie dagewesener Pracht – in allen Schattierungen von Rot, Orange und Violett, gelegentlich auch in Blau- und Grüntönen. Die grandiosen Abendstimmungen und die intensiven Erdfarben, Ocker und Gelbtöne von William Turner, die außerhalb von Landschaften mit entsprechender natürlicher Farbgebung (etwa der Toskana und der Camargue) fast unwirklich erschienen, wurden davon sichtlich beeinflusst.

 

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