Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Samstag, 17. Dezember 2016

SEDDIG im Samland

Die Mutter meiner Mutter war Charlotte SEDDIG, geboren 1907 in Willkeim im Kirchspiel Powunden im Kreis Königsberg. Ich habe auch noch meinen Urgroßvater kennen gelernt: August SEDDIG (1878-1970), ein Bauer und Stellmacher in Willkeim. Aus Erzählungen wußte ich, dass mein Urgroßvater noch einige Schwestern gehabt hatte. Aufgrund der schlechten Quellenlage (keine Kirchenbücher, keine Standesamtsunterlagen im Samland aus der Zeit von 1874-1945) konnte ich die genauen Umstände bisher nicht ermitteln.
von links: Helene Seddig, meine Mutter, Charlotte Schweichler geb. Seddig
Ein Foto aus dem Jahr 1964 mit meiner Mutter zwischen ihrer Tante Lene (1913-2003) und ihrer Mutter Charlotte (1907-70). Nachfolgend ein Foto meines Urgroßvaters August Seddig, Vater von Helene und Charlotte Seddig.
August Seddig 1964

August Seddig hatte noch eine dritte Tochter (Grete 1910-96) und einen Sohn Richard, der jedoch 1942 als Soldat in Russland umkam. August Seddig war mit Ernestine Lorenz (1878-1960) aus Twergaiten verheiratet. Soweit ließ sich noch alles bequem aus dem Gedächtnis der Zeitzeugen rekonstruieren. Meine Mutter erinnert noch recht gut, dass ihr Großvater 5 Schwestern hatte, die alle in Königsberg verheiratet waren. Da sollte es eine Tante Malchen, verheiratete Heller gegeben haben nebst weiteren Tanten mit den Ehenamen Lange, Klein, Zacharias und Kuchta. Genaueres schien nicht mehr erinnerbar und mangels Quellen auch nicht mehr recherchierbar. So der Stand der Ermittlungen seit etwa 30 Jahren.

Vor einiger Zeit bekam ich von einem Forscher, mit dem ich mich schon öfter über Rechercheprobleme ausgetauscht hatte, interessante Funde übermittelt. Über ancestry hat er online Zugang zu digitalisierten Standesamtsregistern aus unter anderem Königsberg und Berlin. Die Königsberger Standesamtsregister sind -wenn auch mit Lücken- größtenteils überliefert, waren jedoch für Jahrzahnte so gut wie nicht zugänglich im berüchtigten Standesamt I in Berlin. Man konnte schriftliche Anfragen stellen, jedoch nicht selbst recherchieren. Auf schriftliche Anfragen erhielt man nur Antwort, wenn man exakt benennen konnte, wonach gesucht werden sollte (also z.B. Geburtsurkunde von Hans Müller *01.01.1901 in Königsberg-Kneiphof). Wenn man nur fragen konnte, ich suche die Geburt des Hans Müller, geboren um 1900 - keine Chance auf eine positive Antwort. Und wenn eine Antwort auf eine Anfrage kam (die ja nur eine amtliche Bestätigung der bereits bekannten Daten sein konnte), dann oft erst nach 15-20 MONATEN! Diese unhaltbare Situation entspannt sich dahingehend, dass das StA I  Unterlagen an das Landesarchiv Berlin abgegeben hat. Die nicht mehr unter Datenschutz fallenden Register wurden digitalisiert. Die Dokumente sind über ancestry online zugänglich. Allerdings muss man dort angemeldetes Mitglied sein (kostenpflichtig). Warum die Standesamtsunterlagen nicht allgemein zugänglich sind, wie das mit Standesamtsunterlagen aus polnischen Archiven mittlerweile üblich ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Auf diesem Wege erhielt ich von Zeit zu Zeit Zufallsfunde von jenem Forscher übermittelt. Hier ein Beispiel:
Aus diesem Heiratseintrag konnte ich nun die genauen Daten von der ältesten Schwester meines Urgroßvaters entnehmen, die bisher nur als verehelichte Klein bekannt war:

Johanna Wilhelmine Amalie SEDDIG, *15. August 1875 in Willkeim, oo 5. März 1897 in Königsberg mit Karl August KLEIN, der 1872 in Sprittlauken (Kirchspiel Schaaken, Kreis Königsberg) geboren wurde. Seine Eltern, der Arbeiter Gottlieb Klein und seine Ehefrau Ernestine Krause lebten 1897 in Gunthenen bei Powunden. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne: Kurt soll ein Elektrogeschäft in Königsberg geführt haben, Walter war bei der Königsberger Feuerwehr (nach den Erinnerungen meiner Mutter).

Aus ähnlichen Einträgen konnte ich weitere Geschwisterdaten vervollständigen:
Marie Henriette SEDDIG, *22. August 1880 in Plöstwehnen, 1909 Dienstmädchen in Berlin-Rixdorf, oo 26. Juni 1909 in Rixdorf mit dem Gärtner Stephan KUCHTA (*15.8.1880 in Kbg-Sackheim). Bei weiteren Recherchen stieß ich auf Adressbucheinträge: z.B. 1930 in der Jablonskistr. 35 in Berlin NO55. Stephan KUCHTA verstarb 1952 in Berlin-Prenzlauer Berg. Was aus seiner Frau Marie Henriette wurde, habe ich noch nicht herausgefunden.

Anna Elisabeth SEDDIG wurde am 2. Januar 1883 in Willkeim geboren. Sie heiratete am 1. Mai 1908 in Königsberg den Rangiermeister Karl Ludwig Friedrich HELLER, welcher am 27.8.1881 in Kbg. geboren wurde. Aus dieser Ehe soll es einen Sohn gegeben haben (Helmut Zacharias), der nach dem Krieg in Lüneburg lebte.

Anna Amalie SEDDIG (Tante Malchen) war mit dem Straßenbahnschaffner Karl August Franz HELLER verheiratet, der jedoch schon am 1. September 1915 als Soldat im 1. Weltkrieg im Osten umkam. Die HELLERs lebten in Königsberg in der Freystraße.

Dann gab es noch Auguste SEDDIG, verehelichte LANGE in Königsberg, über die noch nichts weiterführendes gefunden werden konnte.

Ich hege die kühne Hoffnung, dass mögliche Nachkommen bei einer Internetrecherche diesen Beitrag finden und Kontakt aufnehmen. Vielleicht ließe sich auf diesem Wege die fragmentierte Familiengeschichte zusammenfügen.

Das Haus meiner Urgroßeltern in Willkeim/
Новосельское (Blickrichtung von der Dorfstrasse nach Norden zum Kurischen Haff)
Das Haus meiner Urgroßeltern in Willkeim steht noch, wurde vor einigen Jahren renoviert und wird sehr gut gepflegt. Alle anderen Häuser im Dorf sind verfallen oder in einem schlechten Zustand. Der Eingang lag ursprünglich auf der Vorderseite des Hauses zur Dorfstraße hin und hatte eine Glasveranda als Vorbau.

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Hier findet man einen älteren Beitrag über die SEDDIGs: http://genealogischenotizen.blogspot.de/2011/11/meine-schwierigen-falle-seddig-lorenz.html 

Link zu ancestry (frei zugängliche Suchfunktion):
http://search.ancestry.de/search/category.aspx?cat=34

Hier findet man eine sehr gute Übersicht über deutsche Unterlagen aus polnischen Archiven, die von diesen digitalisiert und in vorbildlicher Weise online verfügbar gemacht wurden:
http://allenstein.draschba.de/neues.php
Darunter auch etliche Jahrgänge von Königsberger Kirchenbüchern. Stöbern lohnt sich!



















Samstag, 25. Juni 2016

Auf der Suche nach ostpreußischen Vorfahren: Recherchemöglichkeiten

Mich erreichen zahlreichen Anfragen, die immer wieder erkennen lassen, dass über die Recherchemöglichkeiten in Kirchenbüchern und anderen Quellen große Unkenntnis herrscht. Ich gebe zwar sehr gern Ratschläge. Aber es ist auch ermüdend, immer wieder das Gleiche erklären zu müssen. Daher habe ich hier die wichtigsten Hinweise zusammen gefasst.

Die bedeutendste Primärquelle zur Erforschung genealogischer Wurzeln sind die Kirchenbücher. Für die Forschungsregion Ostpreußen werden Kirchenbücher und Verfilmungen in diesen beiden Archiven verwahrt:

Man muß allerdings nicht unbedingt nach Berlin oder Leipzig reisen, um in die dort gelagerten Kirchenbücher zu schauen. Die oben genannten Seiten bieten jedoch einen ersten Überblick über verfügbare Bestände.

Die Mormonen oder Kirche der Heiligen der Letzten Tage haben/hat es sich zur Aufgabe gemacht, genealogische Quellen durch Verfilmungen zu erschließen und für ihre Mitglieder und andere Interessierte zur Recherche bereit zu stellen. So findet man in jeder größeren Stadt ein Forschungszentrum der Mormonen, kann sich dort Kirchenbuchverfilmungen bestellen und auf den Datensichtgeräten ansehen. Hier findet man die passende Forschungsstelle: https://familysearch.org/locations/centerlocator?cid=hp2-1050
Unter der angegebenen Telefonnummer der jeweils ausgewählten Forschungsstelle kann man sich über den Ablauf der Filmbestellungen und alles weitere informieren.
Die Mormonen gehen in den letzten Jahren dazu über, viele Quellen zu digitalisieren und online verfügbar zu machen. Es lohnt sich, auf der Seite zu suchen: https://familysearch.org/

Die Deutschen Evangelischen Kirchen hatten ihre Bestände vor modernen Kommunikationstechniken lange behütet wie Alberich den Nibelungenschatz. Erfreulicherweise hat man sich endlich doch dazu entschließen können, Kirchenbücher zu digitalisieren und online zu stellen. Auf dem Portal www.archion.de findet man die aktuell verfügbaren Bestände, die ständig erweitert werden: https://www.archion.de/de/suche/. Die Recherchen dort sind kostenpflichtig. Bei einem Besuch im ezab werden übrigens auch Nutzungsgebühren verlangt.

Leider kann ich über katholische Kirchenbuchbestände keine Hinweise geben, da ich auf dem Bereich keine Erfahrungen habe. Alle meine Vorfahren waren seit 1525 evangelisch-lutherisch.

Eine erfolgreiche Kirchenbuchrecherche setzt allerdings voraus, dass man die alten Handschriften auch lesen kann. Nach jahrzehntelangen Recherchen kann ich mittlerweile sagen, dass ich auch die schlimmsten Krakeleien noch entziffert bekomme. Aber es kann in Einzelfällen extrem mühsam werden, sich durch Kirchenbuchseiten zu quälen, die z.B. jegliche Ordnungsstandards vermissen lassen, auf der man Fließtext ohne Punkt und Komma, ohne Leerzeilen, ohne Rand, ohne jegliche Hervorhebungen oder Abgrenzungen einzelner Einträge in engster Schrift mit Überschneidungen von Ober- und Unterlängen der angrenzenden Zeilen vorfindet.

Für die Forschungsregion Ostpreußen gibt es in wachsender Zahl sogn. Ortsfamilienbücher (OFB). Das sind Bücher, in denen sämtliche Einträge der Kirchenbücher einer Gemeinde vollständig ausgewertet wurden. Jeder Eintrag wurde der entsprechenden Familie zugeordnet und erschließbare Genealogien zusammengefaßt. Eine unschätzbare Wahnsinnsarbeit der fleißigen Autoren. So kann man in diesen Büchern alphabetisch nachschlagen, was die Kirchenbücher zu einem Familiennamen hergeben. Eine sehr bequeme Form der Recherche. Eine gute Übersicht über verfügbare (gedruckte) OFBs findet man hier: http://www.plew.info/ofb_allgemein.htm

Es gibt auch einige online verfügbare OFBs - hier zu finden: http://ofb.genealogy.net/ Dort ganz nach unten scrollen und die Abteilung Ostpreußen suchen. Durch Anklicken des ausgewählten Ortes gelangt man direkt ins jeweilige online-OFB.

In der obigen Auflistung fehlt ein spezielles OFB: Löwenstein im südlichen Kreis Gerdauen. Dieses findet man hier: http://www.portal-ostpreussen.de/Members/Tarquinia/ofb_kirchspiel_loewenstein/

Polnische Archive haben in den letzten Jahren unglaublich viel von ihren Beständen in bewundernswerter Arbeit digitalisiert und online gestellt. Darunter befinden sich auch Kirchenbücher. Teilweise auch Fragmente aus Kirchen, die heute im russischen Oblast liegen. Hier findet man Listen und Links dazu: http://www.portal-ostpreussen.de/news/digitalisierte-kirchenbuecher-nord-ostpreussen

In Preußen wurden ab 1. Oktober 1874 Standesämter eingeführt. Die Macht der Kirchen über die Dokumentationspflicht von Personenstandsereignissen wurde dadurch aufgehoben. Es gibt zahlreiche Standesamtsunterlagen, die mittlerweile digitalisiert auf den Seiten polnischer Archive aufrufbar sind. Hier findet man eine Übersicht: http://allenstein.draschba.de/karte.php

Eine Übersicht nach Familiennamen mit einem leichten Zugang findet man hier: http://www.vffow-buchverkauf.de/ Dort Online-Datenbanken anklicken. Einloggen mit GAST und vffow als Passwort. Dann auf „Namensindex der Standesamtsregister...“ klicken und die Suchfunktionen nutzen.

Es gibt zahlreiche Standesamtsunterlagen aus ehemaligen Ostgebieten, die 1945 in den Westen gerettet wurden und seit dem im sogn. Standesamt I in Berlin gelagert werden. Ein Bestandsverzeichnis wurde als Buch veröffentlicht: Standesregister und Pesonenstandsbücher der Ostgebiete im Standesamt I in Berlin, Verlag für Standesamtswesen, Frankfurt u. Berlin 1992. Ich besitze eine Kopie des Buches.

Grundsätzlich läßt sich sagen, dass z.B. für die Region Samland keine Standesamtsaufzeichnungen erhalten sind. Von Königsberg und Randgemeinden gibt es lückenhafte Bestände. Die meisten Standesamtsregister des heutigen russischen Ostpreußens gelten als verschollen.

Standesamtsbestände im Standesamt I, die nicht mehr unter die Datenschutzrestriktionen fallen, werden freigegeben und an das Landesarchiv Berlin weitergeleitet. Neuesten Nachrichten zu Folge beabsichtigt das Landesarchiv, die Bestände zu digitalisieren und evtl. auch in den nächsten Jahren online zugänglich zu machen. Die Recherchemöglichkeiten in der Vergangenheit waren alles andere als befriedigend. Leider setzt sich die vorbildliche Forschungssituation in Polen mit seinen seit Jahren ständig erweiterten online-Beständen bei unseren Verwaltungsstellen nur mit großer Zeitverzögerung durch.

Ich werde gelegentlich gefragt, was es in russischen Archiven zu finden gäbe. Die Bestände des Gossudarstwennij Archiv in der Uliza Komsomolskaya 32 (ehemalige Luisenallee) in Kaliningrad enthalten nur sehr wenig aus deutscher Zeit. In einem offiziellen russischen Text heißt es sinngemäß: "Gegründet 1949 als Aufbewahrungsort für Dokumente aus den Organisationen und Betrieben der Region. Insgesamt werden 345.596 Einheiten verwahrt, darunter Nachlässe von Privatpersonen aus dem Gebiet Kaliningrad, von Veteranen und verdienten Werktätigen, von Schauspielern, Künstlern, Schriftstellern, den Arbeiterdynastien, die am Wiederaufbau des Gebiets mitgewirkt haben. ... über 1.000 Archivalien aus staatlichen Archiven Ostpreußens ... "
 
Die oben erwähnten Archivalien "aus staatl. Archiven Ostpreußens" sind ehemalige Reste des Königsberger Staatsarchivs, die bei der Auslagerungsaktion 1944 evtl. nicht mehr in die Kisten gepasst hatten, Verwaltungsakten aus deutscher Zeit, teilweise Bruchstücke, Reste und Einzelseiten, die in der Regel völlig aus dem Zusammenhang gerissen kaum noch eigenständigen Informationsgehalt haben. Bestände aus deutscher Zeit in Kaliningrad (auf russisch: http://83.219.144.126:8080/gako-portal/MainPortal/NSA/NSAHome.html?show=e8b08efc-3c45-42fb-b1ca-fa51837ec025 ).
Ich habe das Archiv im Jahre 2012 mit der Kant-Gesellschaft besichtigt. Genealogisch bedeutsames kann man dort nicht erwarten. Einzige Ausnahme: Register aus Baubeln, Kreis Tilsit-Ragnit, 1874-1902.

Wie auch immer, die Quellen für Recherchen nach ostpreußischen Vorfahren sind trotz der schrecklichen Auswirkungen der Kriegs- und Nachkriegszeiten erfreulich umfangreich vorhanden. In meiner Zusammenfassung habe ich die unfassbar zahlreichen Sekundärquellen noch völlig unerwähnt gelassen, die sich hier befinden: http://www.gsta.spk-berlin.de/. Das ausgelagerte ehemalige Königsberger Staatsarchiv hat den Krieg nahezu unbeschadet überstanden und ist nun fast vollständig in der Hauptabteilung XX in Berlin eingegliedert. Viele Regalkilometer aus mittelalterlicher Ordenszeit, aus der nachfolgenden Herzogszeit, aus kurfürstlichen und königlichen Beständen bis in die Neuzeit erwarten den Forscher.
Die Arbeit in diesem Archiv wird jedoch erst interessant, wenn man schon ziemlich genau weiß, wer wann wo aus der eigenen Genealogie gelebt hat. Im sogn. Geheimen Staatsarchiv findet man evtl. in Steuerakten genaue Auskunft über den Besitz und sozialen Status, in anderen staatlichen Verwaltungsakten, z.B. Gerichtsakten erschließen sich vielleicht interessante Details zu Auseinandersetzungen mit Nachbarn, Erbstreitigkeiten oder auch Urteile über gesetzliches Fehlverhalten und vieles mehr. So kommt Fleisch an das Gerippe der dürren Daten....