Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Samstag, 25. Juni 2016

Auf der Suche nach ostpreußischen Vorfahren: Recherchemöglichkeiten

Mich erreichen zahlreichen Anfragen, die immer wieder erkennen lassen, dass über die Recherchemöglichkeiten in Kirchenbüchern und anderen Quellen große Unkenntnis herrscht. Ich gebe zwar sehr gern Ratschläge. Aber es ist auch ermüdend, immer wieder das Gleiche erklären zu müssen. Daher habe ich hier die wichtigsten Hinweise zusammen gefasst.

Die bedeutendste Primärquelle zur Erforschung genealogischer Wurzeln sind die Kirchenbücher. Für die Forschungsregion Ostpreußen werden Kirchenbücher und Verfilmungen in diesen beiden Archiven verwahrt:

Man muß allerdings nicht unbedingt nach Berlin oder Leipzig reisen, um in die dort gelagerten Kirchenbücher zu schauen. Die oben genannten Seiten bieten jedoch einen ersten Überblick über verfügbare Bestände.

Die Mormonen oder Kirche der Heiligen der Letzten Tage haben/hat es sich zur Aufgabe gemacht, genealogische Quellen durch Verfilmungen zu erschließen und für ihre Mitglieder und andere Interessierte zur Recherche bereit zu stellen. So findet man in jeder größeren Stadt ein Forschungszentrum der Mormonen, kann sich dort Kirchenbuchverfilmungen bestellen und auf den Datensichtgeräten ansehen. Hier findet man die passende Forschungsstelle: https://familysearch.org/locations/centerlocator?cid=hp2-1050
Unter der angegebenen Telefonnummer der jeweils ausgewählten Forschungsstelle kann man sich über den Ablauf der Filmbestellungen und alles weitere informieren.
Die Mormonen gehen in den letzten Jahren dazu über, viele Quellen zu digitalisieren und online verfügbar zu machen. Es lohnt sich, auf der Seite zu suchen: https://familysearch.org/

Die Deutschen Evangelischen Kirchen hatten ihre Bestände vor modernen Kommunikationstechniken lange behütet wie Alberich den Nibelungenschatz. Erfreulicherweise hat man sich endlich doch dazu entschließen können, Kirchenbücher zu digitalisieren und online zu stellen. Auf dem Portal www.archion.de findet man die aktuell verfügbaren Bestände, die ständig erweitert werden: https://www.archion.de/de/suche/. Die Recherchen dort sind kostenpflichtig. Bei einem Besuch im ezab werden übrigens auch Nutzungsgebühren verlangt.

Leider kann ich über katholische Kirchenbuchbestände keine Hinweise geben, da ich auf dem Bereich keine Erfahrungen habe. Alle meine Vorfahren waren seit 1525 evangelisch-lutherisch.

Eine erfolgreiche Kirchenbuchrecherche setzt allerdings voraus, dass man die alten Handschriften auch lesen kann. Nach jahrzehntelangen Recherchen kann ich mittlerweile sagen, dass ich auch die schlimmsten Krakeleien noch entziffert bekomme. Aber es kann in Einzelfällen extrem mühsam werden, sich durch Kirchenbuchseiten zu quälen, die z.B. jegliche Ordnungsstandards vermissen lassen, auf der man Fließtext ohne Punkt und Komma, ohne Leerzeilen, ohne Rand, ohne jegliche Hervorhebungen oder Abgrenzungen einzelner Einträge in engster Schrift mit Überschneidungen von Ober- und Unterlängen der angrenzenden Zeilen vorfindet.

Für die Forschungsregion Ostpreußen gibt es in wachsender Zahl sogn. Ortsfamilienbücher (OFB). Das sind Bücher, in denen sämtliche Einträge der Kirchenbücher einer Gemeinde vollständig ausgewertet wurden. Jeder Eintrag wurde der entsprechenden Familie zugeordnet und erschließbare Genealogien zusammengefaßt. Eine unschätzbare Wahnsinnsarbeit der fleißigen Autoren. So kann man in diesen Büchern alphabetisch nachschlagen, was die Kirchenbücher zu einem Familiennamen hergeben. Eine sehr bequeme Form der Recherche. Eine gute Übersicht über verfügbare (gedruckte) OFBs findet man hier: http://www.plew.info/ofb_allgemein.htm

Es gibt auch einige online verfügbare OFBs - hier zu finden: http://ofb.genealogy.net/ Dort ganz nach unten scrollen und die Abteilung Ostpreußen suchen. Durch Anklicken des ausgewählten Ortes gelangt man direkt ins jeweilige online-OFB.

In der obigen Auflistung fehlt ein spezielles OFB: Löwenstein im südlichen Kreis Gerdauen. Dieses findet man hier: http://www.portal-ostpreussen.de/Members/Tarquinia/ofb_kirchspiel_loewenstein/

Polnische Archive haben in den letzten Jahren unglaublich viel von ihren Beständen in bewundernswerter Arbeit digitalisiert und online gestellt. Darunter befinden sich auch Kirchenbücher. Teilweise auch Fragmente aus Kirchen, die heute im russischen Oblast liegen. Hier findet man Listen und Links dazu: http://www.portal-ostpreussen.de/news/digitalisierte-kirchenbuecher-nord-ostpreussen

In Preußen wurden ab 1. Oktober 1874 Standesämter eingeführt. Die Macht der Kirchen über die Dokumentationspflicht von Personenstandsereignissen wurde dadurch aufgehoben. Es gibt zahlreiche Standesamtsunterlagen, die mittlerweile digitalisiert auf den Seiten polnischer Archive aufrufbar sind. Hier findet man eine Übersicht: http://allenstein.draschba.de/karte.php

Eine Übersicht nach Familiennamen mit einem leichten Zugang findet man hier: http://www.vffow-buchverkauf.de/ Dort Online-Datenbanken anklicken. Einloggen mit GAST und vffow als Passwort. Dann auf „Namensindex der Standesamtsregister...“ klicken und die Suchfunktionen nutzen.

Es gibt zahlreiche Standesamtsunterlagen aus ehemaligen Ostgebieten, die 1945 in den Westen gerettet wurden und seit dem im sogn. Standesamt I in Berlin gelagert werden. Ein Bestandsverzeichnis wurde als Buch veröffentlicht: Standesregister und Pesonenstandsbücher der Ostgebiete im Standesamt I in Berlin, Verlag für Standesamtswesen, Frankfurt u. Berlin 1992. Ich besitze eine Kopie des Buches.

Grundsätzlich läßt sich sagen, dass z.B. für die Region Samland keine Standesamtsaufzeichnungen erhalten sind. Von Königsberg und Randgemeinden gibt es lückenhafte Bestände. Die meisten Standesamtsregister des heutigen russischen Ostpreußens gelten als verschollen.

Standesamtsbestände im Standesamt I, die nicht mehr unter die Datenschutzrestriktionen fallen, werden freigegeben und an das Landesarchiv Berlin weitergeleitet. Neuesten Nachrichten zu Folge beabsichtigt das Landesarchiv, die Bestände zu digitalisieren und evtl. auch in den nächsten Jahren online zugänglich zu machen. Die Recherchemöglichkeiten in der Vergangenheit waren alles andere als befriedigend. Leider setzt sich die vorbildliche Forschungssituation in Polen mit seinen seit Jahren ständig erweiterten online-Beständen bei unseren Verwaltungsstellen nur mit großer Zeitverzögerung durch.

Ich werde gelegentlich gefragt, was es in russischen Archiven zu finden gäbe. Die Bestände des Gossudarstwennij Archiv in der Uliza Komsomolskaya 32 (ehemalige Luisenallee) in Kaliningrad enthalten nur sehr wenig aus deutscher Zeit. In einem offiziellen russischen Text heißt es sinngemäß: "Gegründet 1949 als Aufbewahrungsort für Dokumente aus den Organisationen und Betrieben der Region. Insgesamt werden 345.596 Einheiten verwahrt, darunter Nachlässe von Privatpersonen aus dem Gebiet Kaliningrad, von Veteranen und verdienten Werktätigen, von Schauspielern, Künstlern, Schriftstellern, den Arbeiterdynastien, die am Wiederaufbau des Gebiets mitgewirkt haben. ... über 1.000 Archivalien aus staatlichen Archiven Ostpreußens ... "
 
Die oben erwähnten Archivalien "aus staatl. Archiven Ostpreußens" sind ehemalige Reste des Königsberger Staatsarchivs, die bei der Auslagerungsaktion 1944 evtl. nicht mehr in die Kisten gepasst hatten, Verwaltungsakten aus deutscher Zeit, teilweise Bruchstücke, Reste und Einzelseiten, die in der Regel völlig aus dem Zusammenhang gerissen kaum noch eigenständigen Informationsgehalt haben. Bestände aus deutscher Zeit in Kaliningrad (auf russisch: http://83.219.144.126:8080/gako-portal/MainPortal/NSA/NSAHome.html?show=e8b08efc-3c45-42fb-b1ca-fa51837ec025 ).
Ich habe das Archiv im Jahre 2012 mit der Kant-Gesellschaft besichtigt. Genealogisch bedeutsames kann man dort nicht erwarten. Einzige Ausnahme: Register aus Baubeln, Kreis Tilsit-Ragnit, 1874-1902.

Wie auch immer, die Quellen für Recherchen nach ostpreußischen Vorfahren sind trotz der schrecklichen Auswirkungen der Kriegs- und Nachkriegszeiten erfreulich umfangreich vorhanden. In meiner Zusammenfassung habe ich die unfassbar zahlreichen Sekundärquellen noch völlig unerwähnt gelassen, die sich hier befinden: http://www.gsta.spk-berlin.de/. Das ausgelagerte ehemalige Königsberger Staatsarchiv hat den Krieg nahezu unbeschadet überstanden und ist nun fast vollständig in der Hauptabteilung XX in Berlin eingegliedert. Viele Regalkilometer aus mittelalterlicher Ordenszeit, aus der nachfolgenden Herzogszeit, aus kurfürstlichen und königlichen Beständen bis in die Neuzeit erwarten den Forscher.
Die Arbeit in diesem Archiv wird jedoch erst interessant, wenn man schon ziemlich genau weiß, wer wann wo aus der eigenen Genealogie gelebt hat. Im sogn. Geheimen Staatsarchiv findet man evtl. in Steuerakten genaue Auskunft über den Besitz und sozialen Status, in anderen staatlichen Verwaltungsakten, z.B. Gerichtsakten erschließen sich vielleicht interessante Details zu Auseinandersetzungen mit Nachbarn, Erbstreitigkeiten oder auch Urteile über gesetzliches Fehlverhalten und vieles mehr. So kommt Fleisch an das Gerippe der dürren Daten....
 

Sonntag, 27. März 2016

Die SCHMADTKEs in Ostpreußen

Ella Schmadtke 1918
Meine Großmutter Ella HAUPT, geb. SCHMADTKE (1895-1987) berichtete von einer Familienlegende: die Schmadtkes sollen aus Polen stammen, hätten dort früher zum Adel gehört und ein Urahn habe nach Preußen fliehen müssen aus Gründen, die nicht mehr eindeutig benannt werden konnten. In Rede standen unerlaubte Ehrenhändel, ein Duell, ein Streit mit Vertretern höherer Stände oder mit Vorgesetzten. Es klang je nach Stimmungslage recht melodramatisch. Ella sagte, ihr Onkel Richard Schmadtke (1878-1934) hätte noch alte Dokumente besessen, die die Geschichte hätte erhellen können. Richard Schmadtke, der Onkel, war 1921-1933 Lehrer und Amtsvorsteher in Reipen, Kreis Wehlau, wie ich später herausfand. Seine Nachkommen, die ich nach spannenden Ermittlungen entdeckte, wußten enttäuschenderweise nichts von alten Familiendokumenten.
Richard Schmadtke


Aber nun will ich der Reihe nach berichten, was die Forschungen zu den Schmadtkes ergeben haben:


Großmutter Ella wurde 1895 in Canditten im Kreis Pr. Eylau geboren. Hier habe ich schon einmal von ihr berichtet: http://genealogischenotizen.blogspot.de/2011/12/meine-gromutter-ella-haupt-geb.html 
 

Ferdinand Schmadtke

Ihr Vater Ferdinand stammte aus Grünwalde bei Landsberg, ebenso im Kreis Preußisch Eylau gelegen (die hier erwähnten Brüder Richard und Julius haben den gleichen Herkunftsort). Dort bewirtschafteten die Schmadtkes seit 1824 einen Hof von ca. 80 Morgen, der ihnen wahrscheinlich durch Einheirat zugefallen war. Daniel Schmadtke (1790-1862) hat den Grünwalder Zweig seinerzeit gegründet, der sich von dort zahlreich ausbreitete. Lange blieb unbekannt, woher Daniel Schmadtke kam.

Grünwalde war bis zur Preußischen Landreform ein gutsuntertäniges Bauerndorf. Die adelige Herrschaft über Grünwalde gehörte zum Gut Weskeim und dem dortigen Besitzer. Über Weskeim findet man hier weitergehende Information:
http://www.genealogie-tagebuch.de/?p=2500  und  http://www.genealogie-tagebuch.de/?p=7255

Das Recherchieren in den Kirchenbüchern von Landsberg nach den Wurzeln in Grünwalde war nicht einfach. Es gibt Kirchenbuchlücken, die zwar weit vor der Zeit liegen, als Daniel Schmadtke dort einheiratet, aber ich will ja auch mehr erfahren über die Familien, die dort schon früher ansässig waren und mit denen die Schmadtkes in verwandtschaftliche Beziehungen traten. Als erste fallen mir die vielen Borz oder Bortz auf, von denen es durch die Jahrhunderte immer schon mehrere Linien in Grünwalde gegeben hatte. Verwirrend sind die vielen zeitgleich auftretenden Namensträger Bortz mit identischen Vornamen, die von den Pfarrern zeitweise mit römischen Ziffern zur Unterscheidung versehen wurden (I, II, III). Aber welcher gehört wohin? Dann gibt es noch die Binder, Domnick, Kampowski, Kirstein oder Kerstein, Marienfeld oder Margenfeld, Plehn, Rautenberg, Schwarz in Grünwalde, um nur die wichtigsten dort ansässigen Familien zu nennen. Die Kirchenbücher sind zwar seit 1643 überliefert, aber ab ca. 1770 gelingt es kaum, weiter in die Vergangenheit vorzudringen, weil die Lücken von 1752-75 und von 1658-1713 ein zuverlässiges Anschließen an ältere Daten nahezu unmöglich machen. Wie auch immer, bis dahin tut sich ein komplexes Geflecht von vielfältigen Verwandtschaftsverhältnissen der Bewohner untereinander auf.

Aufgrund der Erbuntertänigkeit unterlag die Einwohnerschaft von Grünwalde gewissen Einschränkungen, die eine freiere Wahl von Ehepartnern aus anderen Orten erschwerte. Grundsätzlich hing eine Eheschließung immer auch vom Einverständnis der Gutsherrschaft ab. Wenn die zukünftigen Ehepartner aus dem gleichen Ort kamen, gab es in der Regel keine Probleme. Wenn tatsächlich eine Braut in einen anderen Gutsbezirk „weggeheiratet“ werden sollte, konnte der Gutsherr als Ersatz für die entgangene Arbeitskraft Geld verlangen. Man mußte sich oder jemand anderen „freikaufen“, was sich die wenigsten leisten konnten. Gleichfalls konnte man nicht einfach abwandern, z.B. in die nahe Stadt Landsberg und dort ein einträglicheres Gewerbe ausüben. Die Landsberger hätten einen „Freikaufbrief“ sehen wollen. Daher gab es so gut wie keine Eheschließungen von freien Bürgern oder Cöllmern und hörigen, unfreien Bauern. Man blieb deswegen in Grünwalde überwiegend unter sich und die komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen bildeten für mich eine echte Herausforderung.
Die Preußische Landreform von 1807 brachte auch in die Verhältnisse von Grünwalde einschneidende Veränderungen - siehe auch
https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fische_Reformen. Es dauerte jedoch Jahrzehnte, bis die Grundsätze der Landreform in Eigentumsübertragungen bei den einzelnen Bauern verwaltungstechnisch ankamen. Für Grünwalde fand ich ein Dokument im Archiv, in dem mit Wirkung zum 1. April 1830 folgenden Bauern ihre Grundstücke eigentümlich übergeben wurden:
Gottlieb Kampowski (4 Hufen), Daniel Borz, Michael Borz, Albrecht Borz jun., Friedrich Kampowski, Michael Kaffke, Christian Marienfeld, Albrecht Borz sen. (jeweils 2¾ Hufen), Gottfried Marienfeld (1 Hufe), Gottfried Kaffke (1 Hufe), Daniel Schmadtke , Gottfried Borz, Christian Domnick, Gottlieb Plehn, Catharina Elisabeth Sommer, Christoph Borz, Adolph Peitsch, Dorothea verehelichte Friedrich Wulff geborene Schwarz, Gottlieb Kampowski (jeweils 2¾ Hufen), Johann Sohn (1 Hufe), Christoph Schwarz (½ Hufe). *)
Im Jahre 1910 leben 442 Einwohner in Grünwalde. Unter den Dorfbewohnern: mein Urur-Großvater Rudolf Daniel Schmadtke (1836-1919), seine Ehefrau Caroline geb. Bortz (1841-1914), deren viertältester Sohn und Hoferbe Carl Schmadtke (1873-1946), seine Ehefrau Johanne geb. Weck (1877-1922) mit zwei Kindern – nach 1910 werden noch weitere 3 Kinder geboren.

Julius Otto Schmadtke,
1920er Jahre
Unter Bezugnahme auf meine veröffentlichten genealogischen Daten zu den bis dahin ermittelten Schmadtkes in Grünwalde meldete sich vor zehn Jahren Nadine Schmadtke bei mir. Wir stellten fest, wir sind miteinander verwandt: ich hatte eine Cousine dritten Grades gefunden. Ihr Urgroßvater Julius Otto Schmadtke (1871-1935) wanderte schon Ende des 19. Jh. nach Westen ins Ruhrgebiet ab. In ihrer Familie sind einige Dokumente zur Familienherkunft erhalten geblieben. Daraus ergab sich, dass Daniel Schmadtke 1790 in Christophsdorf als Sohn des Bauern George Schmadtke geboren wurde. Diese Information führte auf die Spur zu der bis dahin unklaren Herkunft der Grünwalder Schmadtkes.
Wo liegt Christophsdorf? Bei meinen Recherchen im Internet stieß ich schon mehrfach auf den Namen Schmadtke und den Ort Christophsdorf, sah jedoch keine logische Verbindung dahin. Mein Bruder hat über die Ermittlungen in den Kirchenbüchern berichtet:
 
Zusammenfassend läßt sich sagen, dass um 1760 Martin und Christoph Schmadtke in Christophsdorf, im Kirchspiel Muldszen im nördlichen Kreis Gerdauen, lebten. Sie waren vermutlich Brüder, haben etwa zeitgleich Kinder bekommen. Unter diesen Kindern wird bei beiden Vätern im Abstand von wenigen Monaten in den Jahren 1760 und 1761 ein Sohn George getauft. Da die Heiratseinträge mit genauen Familienangaben im betreffenden Zeitraum fehlen, wissen wir nicht, welcher dieser beiden Georgs nun unser Urururur-Großvater ist, der dann später Anna Maria Lutski (Lutzke, Lutzky) heiratet und 1790 den Daniel als Sohn bekommt. Wie auch immer, es ist unbestreitbar, dass die beiden ältesten bekannten Namensträger Schmadtke in Christophsdorf eng miteinenander verwandt waren. Die gegenseitigen Patenbenennungen bei den Kindstaufen belegen das. Weiterhin läßt sich sagen, dass bisher alle heute bekannten Namensträger Schmadtke auf diese ältesten Schmadtkes in Christophsdorf zurückführbar zu sein scheinen, somit alle aus dem gleichen “Nest” stammen und miteinander verwandt sein müßten.
Christophsdorf war seit alter Zeit ebenfalls ein gutsuntertäniges Dorf in Adelsbesitz, ähnlich wie Grünwalde. In der zweiten Hälfte des 18. Jh. gehörte es zu den Ländereien im Besitz der Familie v. Fahrenheid**). Nach den Napoleonischen Kriegen mußte die Familie mehr als die Hälfte ihres riesigen Landbesitzes verkaufen, um die Kriegsschäden und Verluste aus Kriegsreparationen auszugleichen. Die aus einem Kaufmanns- u. Patriziergeschlecht hervorgegangene Adelsfamilie war jedoch immer noch vermögend genug, auf Schloß Beynuhnen die bis 1945 bedeutendste private Antiken- und Kunstsammlung in Preußen zusammenzutragen (siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Uljanowskoje_(Kaliningrad)   und
http://www.ostpreussen.net/ostpreussen/orte.php?bericht=614).
Die erbuntertänigen Bauern von Christophsdorf waren dem Gut Kl. Gnie scharwerkspflichtig.
Leider gibt es wohl kaum noch zugängliche Quellen, die Aufschluß über den Ursprung dieser ältesten bekannten SCHMADTKEs geben könnten. Die Kirchenbücher von Muldszen sind erst ab 1759 überliefert und reichen nicht weiter zurück. Das Dorf unterstand keiner staatlichen Verwaltung oder Jurisdiktion, sondern war bis zur Preußischen Landreform in privatem Adelsbesitz. Daher findet man im Geheimen Staatsarchiv Berlin (http://www.gsta.spk-berlin.de/) nicht wie üblich meterweise Akten. Die privaten Adelsarchive befanden sich in der Regel auf den Gütern und Schlössern und wurden 1945 größtenteils vernichtet. Ob es möglicherweise doch Berichte in königlichen Verwaltungsakten geben kann über die Ansetzung von neuen Bauern nach der Pestzeit der Jahre 1709-10, die auf vakanten, privat-adeligen Bauernstellen landeten, habe ich noch nicht überprüft.
Nach Lage der Dinge ist davon auszugehen, dass Martin und Christoph Schmadtke um 1760 ziemlich jung verheiratet waren. Wenn man ein Heiratsalter von 25-30 Jahren annimmt, dann dürften sie um 1730-35 geboren worden sein. Für den vermuteten Vater könnte man einen Geburtsjahrgang um etwa 1700 annehmen. Ein passender Zeitrahmen für eine Ansiedlung im Rahmen der “Repeublierung”. Ich halte es für denkbar, dass die Schmadtkes vielleicht um 1730 im Kirchspiel Muldszen ansässig geworden sein können. Es gab auffällig wenig Namensträger bis dahin, während sich die Familie in den folgenden Jahrzehnten stark ausbreitete. Um 1850 gab es allein von George Schmadtke in Christophsdorf (der andere, der nicht mein Urururur-Großvater ist) mindestens 10 verschiedene Schmadtke-Familien seiner Enkel-Generationen im Kirchspiel Muldszen. Das Foto unten soll aus Christophsdorf stammen:

Die Eingangs erwähnte Familienlegende von Großmutter Ella brachte mich auf die Idee, nach Spuren in Polen zu suchen. Mit etwas Grundkenntnis der polnischen Sprache kann man den Namen Schmadtke einfach polonisieren: SZMATKA. Der Name hat eine Bedeutung, die ins Deutsche übertragbar ist: kleines Stück von irgend etwas, Stoffrest, Lumpen. Auf keinen Fall ein Name für hochwohlgeborene Standespersonen. Im heutigen Polen gibt es diesen Familiennamen noch, wenn auch nur selten, vorwiegend im Süden des Landes in der Gegend zwischen Rzeszów und Kraków. Ein Beispiel für das Namensvorkommen - der folgende Link führt zu einem Nachruf für Professor Jacek Szmatka (1950-2001):
Für eine tiefergehende Recherche in Polen sind unsere Ausgangsdaten von den ältesten Christophsdorfer Schmadtkes zu dürftig. Die Familienlegende könnte aber tatsächlich einen wahren Kern enthalten. Die polnische Herkunft erscheint aufgrund des Namens plausibel. Eine irgendwie glänzende oder hochwohlgeborene Abkunft ist wahrscheinlich dazugedichtet worden, um die Geschichte schöner zu machen. Bemerkenswert ist, dass Nachkommen der Schmadtkes aus verschiedenen Zweigen, die sich seit Generationen aus den Augen verloren hatten, völlig unabhängig voneinander berichteten, dass in der Familie von einer polnischen Herkunft erzählt wurde.
Ich gehe davon aus, dass alle heute lebenden Namensträger auf die ältesten Vorkommen in Christophsdorf zurückgeführt werden können und somit alle weitläufig miteinander verwandt sind. Derzeit findet man im Deutschen Telefonbuch 57 Anschlüsse auf den Namen Schmadtke verzeichnet. 6 davon sind Firmenanschlüsse. Auch wenn man einkalkuliert, dass nicht mehr alle einen Festnetzanschluss angemeldet haben, so ist die geringe Verbreitung ein weiteres Indiz dafür, dass der Name in der heutigen Form erst vor knapp 300 Jahren in Ostpreußen entstanden ist.
Anmerkungen:
*) 1 Hufe oder Hube enthält 30 Morgen = um 1800 und später ca. 7,5 Hektar.
**) Der Entwickler des Thermometers mit der Fahrenheid-Skalierung Daniel Gabriel Fahrenheid (1686-1736) gehört auch zu diesem Geschlecht.

Alle meine bisher gefundenen SCHMADTKEs findet man online hier: 
http://gw.geneanet.org/viktorh_w?lang=de&m=S&n=schmadtke&p=
Ich freue mich wie immer über Anmerkungen, Fragen und kritische Kommentare zu allen hier erwähnten Namen und Sachverhalten.