Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend wie ein Kriminalroman sein. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Mittwoch, 11. Juni 2014

Der Preußische Staat, nach seinem gegenwärtigen Länder- und Volksbestande: 1818

Auf einem Berliner Flohmarkt fiel mir ein älteres, verstaubtes, verblichenes und etwas zerfleddertes Buch in die Hände, welches ich aufgrund seines unansehnlichen Zustandes sehr preisgünstig erwerben konnte. Es trägt den Titel:
Der Preußische Staat nach seinem gegenwärtigen Länder- und Volksbestande
Als Autoren sind angegeben
J.A. Demian und Dr. Christian Gottfried Daniel Stein, Professor am berlinisch-kölnischen Gymnasium zum grauen Kloster, Mitgliede der königl. Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt, der allgemeinen kameralistisch-ökonomischen Societät zu Erlagen u.s.w.
Veröffentlicht in Berlin 1818 (die Stelle mit den genauen Verlagsangaben ist zerrissen).

Ich zitiere buchstabengetreu aus der allgemeinen  Beschreibung der Provinz Ostpreußen (Seite 255 f), dem Kapitel über Königsberg und über die angrenzenden Regionen (Seite 261 f) :
Die Provinz Ostpreußen
Diese Provinz ist die Wiege der preußischen Königswürde, umfaßt aber nicht das ganze ehemalige Herzogthum Preußen, indem seit Besitznehmung der polnischen Provinzen im Jahr 1772 der Marienwerdersche und Riesenburgische Kreis mit 31 1/4 Quadratmeilen und 36.997 Einwohnern zu Westpreußen, und das in dem eben genannten Jahre erworbene Ermeland mit 74 1/4 Quadratmeilen und 97.115 Seelen zu Ostpreußen geschlagen wurde. Sie gränzt gegen Morgen und Mittag an Rußland, gegen Abend an Westpreußen, und gegen Mitternacht an die Ostsee. Ihr Flächeninhalt beträgt 704 Quadratmeilen, und die Bevölkerung 819.000 Seelen (* Im Jahr 1804 zählte Ostpreußen 957.725, und selbst im Jahr 1809 noch 835.934 Seelen). ...  Der Handel beschäftiget sich hauptsächlich mit der Ausfuhr von Getreide, Holz, Hanf, Flachs, Lein- und Hanf-Saamen, Pottasche, Borsten, Garn und Leder, und mit der Einfuhr von Colonialwaaren, Wein, Salz, Oehl, Taback und verschiedenen Fabrikaten. Ueberhaupt hat Preußen, an dessen einer Seite sich die Ostsee erstreckt, und welches von schiffbaren Flüssen durchschnitten wird, von der Natur die vortheilhafteste Lage zum Handel. Aber seit dem Jahr 1772, da Polen zum ersten Mahl getheilt wurde, hat Königsbergs und Memels Handel außerordentlich abgenommen, theils durch die Bemühungen der russischen Regierung, den polnischen Produktenhandel nach Liebau und Riga zu leiten, theils durch die zugenommene Thätigkeit und Geschicklichkeit der Kaufleute in diesen russischen Handelsstädten, theils durch verschiedene Mißgriffe der preußischen Regierung selbst, besonders durch das Salzmonopol. Den stärksten Getreidehandel besitzt Königsberg, und den stärksten Holzhandel Memel.
     Die in Ostpreußen üblichen Sprachen sind die deutsche, polnische, litthauische, und auf einigen Dörfern der kurischen Nehrung die lettische. Die polnische Sprache herrscht, besonders auf dem platten Lande, in dem südlichen Theile von Natangen, d.h. in den Distrikten von Oletzko, Lyck, Johannisburg, Nikolaiken, Arys und Angerburg; dann im Oberlande in der Umgebung von Hohenstein, Osterode, Gilgenburg, Soldau, Neidenburg, Passenheim, Ortelsburg und Willenberg, endlich im Ermeland um Heilsberg, Wormditt, Wartenburg, Bischofsburg und Allenstein. Litthauisch aber wird hauptsächlich in den Umgegenden von Insterburg, Gumbinnen, Pilkallen, Ragnit, Tilsit, Labiau, Haidekrug und Memel gesprochen.
     In der Betreff der Religionen sind die Einwohner größtentheils Lutheraner, die 384, dann Katholiken, die 83, und Reformirte, die 18 Kirchen besitzen. Fast alle Katholiken wohnen im Ermeland, wo sie allein 78 Kirchen haben, während sich im Regierungsbezirke Gumbinnen nur eine einzige katholische Kirche, nämlich zu Drangowsky bei Tilsit, befindet. Auch haben die Katholiken noch 3 Mönchs- und 4 Nonnenklöster, wovon aber die ersteren dergestalt aufgehoben sind, daß sie aussterben müssen, auch können die Mönche das Kloster verlassen, da sie nur ein votum simplex bindet. Die Nonnen beschäftigen sich mit dem Unterrichte der Mädchen. Uebrigens giebt es in Ostpreußen auch Sozinianer, Herrnhuter, Mennoniten und Juden; die letzteren haben sich seit dem Edikte vom 11. März 1812 beträchtlich vermehrt.
     Die ostpreußischen Landstände bestehen aus drei Klassen, nämlich: 1) aus dem Herrnstand; 2) aus der Ritterschaft und dem Adel, dem sich auch die Cölmer und Freien angeschlossen haben; und 3) aus den Städten. Gegenwärtig ist jedoch die Ständeverfassung, in Folge eines königlichen Landtagsbeschlusses von 1808 und 1809 folgende: die Stände haben eine beständige Comité in Königsberg, wozu vier Repräsentanten der Ritterschaft, ein Repräsentant des Cölmerstandes, einer der Stadt Königsberg, einer der ostpreußischen Provinzialstädte und einer der litthauischen Provinzialstädte gehören. Diese Repräsentanten werden in der Regel auf 3 Jahre gewählt und vom König bestätiget. Die Generalversammlung der Landschaft kann nur auf Befehl des Königs ausgeschrieben werden. Auch hat weder die Comité der ostpreußischen und litthauischen Stände, noch die Generalversammlung der Landschaft das Recht der Steuerbewilligung oder sonst einen Antheil an der Gesetzgebung, sondern beide können nur Wünsche vortragen, Anträge machen und begehrtes Gutachten abgeben.
     Adeliche Güter giebt es in Ostpreußen 2136, zu welchen 104.016 Hufen gehören. Die Cölmer besitzen 82.724 und die Städte 16.857 Hufen. Das meiste Land gehört jedoch zu den Domainenämtern, welche im Jahre 1804 noch 116.298 Hufen enthielten. Seitdem sind aber mehrere Domainengüter verkauft worden. Die Bauern haben sehr verschiedentlich mit Abgaben und Dienste belastete Güter, sind aber durch das Edikt vom 14. September 1811 freie Leute und Eigenthümer geworden.
     Die Provinz Ostpreußen wird in zwei Regierungsbezirke, in den von Königsberg und Gumbinnen, eingetheilt.

Das Regierungsdepartement Königsberg
Der Bezirk der Regierung zu Königsberg enthält 365 1/4, und mit dem kurischen Haff und ostpreußischen Antheil des frischen Haffs 406 3/4 Quadratmeilen. Die Einwohnerzahl ohne Militär beträgt jetzt 480.000 Seelen, und nach der Zählung von 1809, welche bei der neuen Kreiseintheilung zum Grunde gelegt wurde, 459.522 Seelen, wovon in den 48 Städten 192.363, und auf dem Lande 267.159 Seelen wohnen. Nach der neuesten Organisation ist dieses Departement in folgende 20 Kreise eingetheilt:

1. Der Königsbergsche Kreis, welcher bloß die Hauptstadt des Königreichs Preußen mit ihren Kirchspielen enthält, und auf einer Quadratmeile 51.539 Menschen zählt. Königsberg (polnisch Krolewiecz und litthauisch Karalauczus genannt), liegt auf beiden Ufern des Pregels unter 54° 42´ 7´´ der Breite und 38°11´3´´ der Länge [offenbar ist die Gradeinteilung noch nicht auf 0 Grad Greenwich festgelegt]. Es hat 269 Straßen und Plätze, welche mit 1352 öffentlichen und Privatlaternen erleuchtet werden; 4503 Wohnhäuser, 622 Speicher und Ställe, 6 Consumtionsmärkte, ein Schloß, zwei Rathhäuser, 22 Kirchen, worunter sich die Domkirche, die reformirte Kirche und die katholische Kirche am meisten auszeichnen, besonders die letztere im neuen Styl geschmackvoll gebaut ist und eine prächtige Kuppel hat; dann ein Universitätsgebäude, 6 große Schulen, die Börse, das Zeughaus, zwei Schauspielhäuser, wovon das neuere das schönste Werk der Baukunst in Königsberg ist, das königl. Bibliotheksgebäude, das königl. Waisenhaus u.s.w. Sämmtliche Schulen stehen mit 11 Millionen in der Feuerkasse.
     Die Zahl der Einwohner beträgt , wie wir oben gesehen haben, ohne Militär 51.539 Köpfe; im Jahr 1802 betrug sie 54.535 Seelen [zum Vergleich: die Einwohnerzahl Berlins wird für das Jahr 1817 mit 182.000 angegeben; noch bis ins 18. Jh. hinein hatte Königsberg mehr Einwohner als Berlin]. Ein Wall, der im Jahr 1626 ausgeführt wurde, umgiebt die Stadt, den Schloßteich und einige Wiesen und Aecker. Sein Umfang beträgt von außen über zwei deutsche Meilen, und seine Länge von dem Sackheimschen bis zum Brandenburgschen Thor 1 deutsche Meile. Sieben Thore führen durch diesen Wall nach Königsberg, nämlich: das Brandenburgische, Friedländische, Sackheimsche, Neusorgsche oder Gumbingsche, Roßgärtsche, Tragheimsche und Steindamsche. Der die Stadt durchströmende Pregel, dessen Breite innerhalb derselben 260 bis 270 Fuß ist, wird beim Eingange durch den litthauschen, und beim Ausgange durch den holländischen Baum verschlossen. Ueber diesen Fluß, der mitten in der Stadt eine beträchtliche Insel, den Kneiphof genannt, bildet, führen sieben Brücken. Die Stadt verdankt ihren Ursprung dem Schlosse, welches hier auf den Rath des böhmischen Königs Ottokar, zur Bezähmung der Samländer erbauet wurde, und ihm zu Ehren den Namen Königsberg erhielt. Bei diesem Schlosse bildeten sich in der Folge drei vormals durch besondere, jetzt abgebrochene Mauern und Thore getrennte Städte. die Altstadt, die Insel Kneiphof und der Löbenicht, neben welchen wieder 14 Vorstädte oder Freiheiten entsprangen. Königsberg ist im Ganzen nicht schön gebaut. Im Mittelpunkte der Stadt findet man viele enge, krumme und winklichte Straßen; manche Straßen liegen hoch, andere sehr niedrig, und unter den Gebäuden findet sich nicht ein einziges, das sich durch Regelmäßigkeit und Schönheit auszeichnete. Die vom Mittelpunkte der Stadt entfernteren Straßen sind regelmäßiger, breiter und weniger unrein; doch fehlt es ihnen an Trottoires zur Bequemlichkeit der Fußgänger. Das königliche Schloß ist ein altes Gebäude, eine Musterkarte von den Bauarten der letzten fünf Jahrhunderte, und hat die Gestalt eines länglichen Vierecks. Auf der Nordseite liegt die Kirche, in welcher sich Friedrich I. im Jahr 1701 zum Könige von Preußen krönen ließ.
     Diese Stadt ist der Sitz der Regierung und des Oberlandesgerichts für das Königsberger Departement, dann der Comité der ostpreußischen und litthauischen Stände und des Generalkommandos für Ost- und Westpreußen. Mit Erziehungs- und Lehranstalten ist Königsberg reich versehen. Außer der Universität giebt es hier ein Gymnasium, drei gelehrte Schulen, zwei höhere Bürgerschulen, mehr als 20 öffentliche Trivialschulen, eine Menge von Schreib-, Rechnungs-, Sprach-, und Handlungs-Schulen, viele Erziehungsanstalten, und eine öffentliche Schullehrer-Bildungsanstalt nach Pestalozzischen Grundsätzen. Auf der Universität lehren jetzt 18 ordinaire und 4 extraordinaire Professoren. Sie hat auch einen botanischen Garten und eine Sternwarte. Ehedem zählte sie 300 Studenten, aber die Stiftungen der Berliner und Breslauer Universitäten hat die Zahl der Studirenden  auf die Hälfte herabgebracht, und nie wird sie wieder ihren alten Glanz zurück erhalten, da Rußland , Schlesien und die Mark nicht mehr ihre Jünglinge dahin senden. Für Studirende giebt es hier 117 Stipendien, und 90 Studenten werden im Convictorio gespeist. Ferner sind hier drei ordentliche Bibliotheken: die königl. Schloßbibliothek, die akademische und die Stadt- und Rahtsbibliothek; dann zwei gelehrte Gesellschaften, die königl. deutsche und die physikalisch-ökonomische. Die erstere ist im Jahr 1741 gestiftet worden, hat zwei Insiegel mit einem fliegenden Adler, und die Censurfreiheit aller Schriften, die von ihr des Drucks würdig erkannt werden. Sie beschäftigt sich theils mit der Cultur der deutschen Sprache, der Redekunst und Poesie, theils mit der preußischen Geschichte. Die physikalisch-ökonomische Gesellschaft entstand im Jahre 1789, und hat die Beförderung alles dessen zum Zweck, was die Landeskultur und die Veredlung der Produkte vermehren kann.
     Der größte Theil der Einwohner bekennt sich zur lutherischen Religion. Die Lutheraner haben 18 Kirchen, worunter sich die große im Kneiphof liegende Domkirche befindet, welche von dem Hochmeister Luderus von Braunschweig erbaut wurde, einige gute Denkmäler enthält und seit 1466 die Gruft der Hochmeister; auch sind hier einige Personen aus dem herzoglichen Geschlecht beerdigt. Die Reformirten besitzen drei Kirchen, in welchen der Gottesdienst in deutscher, französischer und polnischer Sprache gehalten wird. Auch die Katholiken haben eine Kirche, die Mennoniten und Herrnhuter Bethäuser, und die Juden eine Synagoge. Außerdem sind auch einige Separatisten hier. Für den Unterricht der Jugend bestehen 5 lateinische Schulen, welche junge Leute zur Universität vorbereiten, das Collegium Fridericianum und 12 andere Schulen, worunter sich eine polnische und eine litthauische befindet. Auch giebt es hier einige militärische Lehranstalten und eine Kunst-, Handwerks- und Zeichen-Schule.
     Die vorzüglichsten Nahrungsquellen der Einwohner Königsbergs sind Handel, Schiffahrt, verschiedene Fabriken und Manufakturen, dann Handwerke und andere städtische Gewerbe, besonders Bierbrauerei und Branntweinbrennerei, endlich Acker- und Gartenbau. Vor der Theilung Polens war der Handel von Königsberg weit wichtiger als jetzt. Es nahm den Polen ihre größtentheils rohen Produkte ab, verarbeitete einiges davon, bezahlte die Verkäufer zum Theil mit eigenen Fabrikwaaren, zum Theil mit den Produkten des Auslandes, und erkaufte diese letztere größtentheils mit den von Polen empfangenen Gütern, oder auch mit eigenen, vaterländischen Erzeugnissen. Aber seitdem Rußland Preußens Grenznachbar geworden ist, und den Handel der mit Königsberg und Memel wetteifernden Städte Liebau und Riga durch verschiedene Beschränkungen der Ein- und Ausfuhr begünstiget, hat Königsberg beinahe den ganzen polnischen Handel verlohren, der jetzt noch tiefer herabsinken würde, wenn nicht glücklicherweise einige getreide- und holzreiche Distrikte Polens von jenen Seestädten zu weit  entfernt lägen, als daß sie nicht lieber und mit größern Vortheil Preußen zu ihrem Marktplatze wählen sollten.
     Königsberg führt vorzüglich Getreide, dann Hanfsaat, Leinsaamen, Flachs, Hanf, Pottasche, Branntwein, Wachs, Borsten, Federn, Garn, Leinewand, Schiffbauholz und Faßdauben aus und empfängt dafür Colonialwaaren, Weine, Taback, Salz, Alaun, Schwefel, Theer, Thran, Bley, Bleyweiß, Schrott, Eisen, Drath, Kupfer, Zinn, Manufakturwaaren und verschiedene Luxusartikel. Davon gehen wieder nach Polen und Litthauen Slaz, Heringe, Stockfisch, Eisen, Kupfer, Leder, Kolonialwaaren, und ungeachtet der strengen russischen Einfuhr-Verbote, eine Menge Manufakturwaaren und Luxusartikel.
     Da das frische Haff zwei Untiefen hat, die eine unweit Pillau, die andere eine Meile von Königsberg, so können die größeren Schiffe nicht bis Königsberg kommen, wo in der Stadt der Pregel 12, und in der Nähe des Krahns bis 30 Fuß tief ist. Diesem Uebelstande wird aber durch die Bordinge abgeholfen, worunter man kleine, völlig nach Art der Seeschiffe gebaute und zum Erleichtern der größern Schiffe bestimmte Fahrzeuge versteht, die 20 bis 30 Last tragen. Solcher Schiffe giebt es zu Königsberg 44 und zu Pillau 13, deren Eigenthümer die Bordings-Rheederzunft bilden. Der Transport der Güter aus und nach Polen wird besonders dadurch erleichtert, daß der Pregel durch die Deine [Deime] und dem Friedrichsgraben mit dem kurischen Haff und der Memel verbunden ist. Die Berliner Bank hat zu Königsberg ein Comtoir, und die Seehandlungs-Sozietät besitzt nicht nur das Monopol mit dem Seesalze, sondern treibt auch bedeutende Wechselgeschäfte.
     Zu den wichtigsten Fabriken Königsbergs gehören die Zuckerraffinerien, die Wollmanufakturen, die Tabacksfabriken und die Lohgerbereien, welche rohes Material, die Häute, zum Theil auch aus Polen beziehen. Zucker-Raffinerien sind jetzt zwei vorhanden, wovon die eine schon über 35 Jahre besteht. Beide sind auf Aktien gerichtet, und der hier verfertigte Zucker übertrifft noch den von Hamburg an Feinheit und Weiße; sie liefern so viel davon, als die Provinz Ostpreußen nöthig hat.
     Das Tuchmacher-Gewerk besteht aus 40 Meistern, welche im Jahr 1802 auf 47 Stühlen und mit 232 Arbeitern 2687 Stück Tücher, Boy, Frieß und Flanell verfertigten. Das Zeug- und Raschmachergewerk hatte 32 Meister, die 90 Stühle betrieben, und 2793 Stück Zeuge produzirten. Strumpfstricker gab es 174, und mit der Strumpfweberei wurden 13 Stühle beschäftiget. Auch hatte man auf 36 Stühlen Wollenband verfertiget. Die Fabriken-Schau-Commission besorgt die Beschauung der wollenen Waaren, welche ihrer Qualität gemäß bezeichnet werden. Baumwollenmanufakturen hat Königsberg, außer einigen Parchentwebereien nicht, und in Seide arbeiten nur die Posamentierer und eine kleine Floretbandmanufaktur. Bedeutender sind die Leinenmanufakturen, oder das sogenannte Züchnergewerk, welches bunte und gefärbte Leinewand verfertiget, die zum Theil nach Dännemark verkauft wird. Im Jahr 1802 beschäftigte diese Manufaktur 110 Stühle. Auch giebt es Segeltuchmanufakturen und über 30 Leineweber, die für Lohn arbeiten. Mit der Lederbereitung beschäftigen sich: 1) eine englische Lederfabrik, die 20 Arbeiter hat; 2) eine Lohgerberfabrik, welche auch nach England Absatz hat; 3) eine Juchtenfabrik, die aber ganz unbedeutend ist; 4) drei Korduan- und Saffianfabriken, welche ihre Waaren sämmtlich im Lande absetzen; 5) das Loh- und Rothgerbergewerk von 18 Meistern, deren Absatz sich gleichfalls nur auf das Inland beschränkt; 6) das Weißgerbergewerk mit 11 Meistern und 14 Arbeitern. Auch für die Lederarbeiten besteht in Königsberg eine Schau.
     Die übrigen Fabriken und bedeutendere Gewerke Königsbergs sind: fünf Schwarzseifensiedereien; mehrere Tabacksfabriken und Tabacksspinnereien; eine Steingutfabrik; zwei Wachsbleichen; ein Eisen- und zwei Kupferhämmer; zehn Schneidemühlen, welche im Jahr 1802 für 80.000 Rthlr. Bretter, Blaken u.s.w. lieferten, wovon für 60.000 Rthlr. nach Portugall, Spanien, England, Holland und Dänemark gingen; mehrere Schiffs-Seilereien; zwei Seiden- und Goldstickereien; zwei Knopffabriken, zwei Darm- und eine Drathsaitenfabrik; eine Manufaktur von bunten Papier; eine Liqueurfabrik; einige Bernsteindreher; 15 Goldschmiede u.s.w. Von vieler Bedeutung ist auch der Schiffbau in Königsberg. Im Jahre 1800 wurden 14, im Jahr 1801 zwanzig, und im jahr 1802 wieder 14 Schiffe, darunter ein Dreidecker von 800 Last, erbaut, welche nach Bremen, Lübeck, Emden, Kopenhagen, Danzig, Riga und selbst nach Philadelphia verkauft wurden. Branntweinblasen waren im Jahr 1804 zu Königsberg 178, und Mälzen-Bräuer-Häuser 214. Man braut auch Porter und Ale.
     Für die Armen sind in Königsberg viele milde Stiftungen und gute Anstalten. Schon im Jahre 1803 hatte Königsberg 4000 Arme, so daß jeder 14te Mensch eine Unterstützung bedurfte, und seitdem ist die Zahl der Armen noch höher gestiegen. Das merkwürdigste Armeninstitut ist das königliche große Hospital im Löbenicht, mit dem ein Kinderhaus für kranke und gebrechliche Kinder, und ein Irrenhaus verbunden ist. Es ist auf 1000 Personen eingerichtet, und besitzet sehr viele Güter und Dörfer. Im Jahre 1803 waren in diesem Hospitale 805 Personen, wovon sich 106 im Irrenhause befanden. Das Fahrenhaidsche Armenhaus hatte in dem genannten Jahre 90 Hospitaliten, Das St.Georgenhospital 59, und die Lockelsche Stiftung vertheilt 46 Portionen, nämlich an 23 Arme Portionen zu 50, und an 23 Arme Portionen zu 25 Rthlr. Ferner sind in Königsberg 25 Wittwen- und Waisenstifte, 4 Mannsstifte, ein Frauenstift für sechs adeliche und sechs bürgerliche Personen, ein Arbeitshaus für Arme, eine Lehranstalt für Bettelknaben, u.s.w. Die Rumfordsche Suppenanstalt ist aber eingegangen.

2. Der Memelsche Kreis, welcher auf 14 Quadratmeilen 19.979 Einwohner hat. Darin Memel, Preußens nördlichste Grenzstadt, unter 38°47´51´´ östlicher Länge und 55°42´15´´ nördlicher Breite. Sie liegt in einer öden traurigen Sand-Ebene, an den Ufern der Dange, welche mitten durch die Stadt fließt, und sie in die Alt- und Neustadt theilet. Die Dange, welche drei Meilen von hier, bei Krotingen im russischen Litthauen entspringt, vereinigt sich bei Memel mit dem kurischen Haff, und dieses wieder durch eine ungefähr 3000 Fuß breite Meerenge mit der Ostsee. Das Haff und die Dange bilden bis zur Börse, die an der Brücke gelegen ist, den Haupt-Hafen. ...

3. Der Schackensche Kreis enthält auf 17 Quadratmeilen 22.216 Einwohner und 16 Kirchspiele, aber keine Stadt. ...

4. Der Fischhausensche Kreis hat auf 18 3/4 Quadratmeilen 22.000 Menschen, und zieht sich längs der Ostseeküste hin. Merkwürdig ist darin:
     Pillau, eine kleine Stadt auf der Spitze der Erdzunge, welche hier das frische Haff von der Ostsee trennt. Das Städtchen ist wohlgebaut, hat breite und gleiche Straßen, und viele nach holländischer Art gebaute Häuser. Die Zahl der Einwohner beträgt 1.940, deren einziger Nahrungszweig der Speditions-Handel und die Schiffahrt ist, da der Ort weder Acker, noch Wiesen und Gärten hat, und selbst das Wasser zum Bierbrauen und Branntweinbrennen nicht tauglich ist. Aber Pillau ist kein Stapelplatz, sondern nur der Vorhafen von Königsberg und Elbing, weil hier Schiffe von mehr als 200 Last mit voller Ladung einlaufen können, während die beiden Untiefen des frischen Haffs die Fahrt der größern Schiffe nach Königsberg beschwerlich, ja selbst unthunlich machen. Die Meerenge bei Pillau, durch welche das frische Haff mit der Ostsee zusammenhängt, wird das Tief, oder von den Schiffern das Gatt genannt. Es ist im Jahre 1510 durch einen Durchbruch des frischen Haffs entstanden und ohngefähr 1500 Schritte breit, hat aber nur eine schmale Fahrt von 10 bis 15 Fuß Tiefe, und selbst diese wird oft durch Versandungen vermindert, und kann ohne Lootsen nicht passiert werden. Auch die Rhede hat viele seichte Stellen und Brandungen, so wie Pillau überhaupt von allen Seefahrern für den gefährlichsten Hafen von Europa gehalten wird. Die von der Stadt ganz getrennte Festung Pillau ist in den neuern Zeiten sehr verbessert, und mit Casematten und Außenwerken versehen worden. Nahe bei der Stadt Pillau ist das Dorf
     Alt-Pillau, an einer Bucht des frischen Haffes, wo sich die sogenannte Pfundbude befindet, welche vormals ein Zollhaus war, und jetzt ein Leuchtthurm steht, der wie eine Säule in die Höhe steigt. Mit Alt-Pillau hängt das Dorf
     Wogram zusammen. Hier liegt die Störbude, ein königliches Gebäude mit 14 Baracken, worin der in dieser Gegend im frischen Haff und in der Ostsee gefangene Stör bereitet wird, indem man aus dem Rogen desselben Caviar macht, d.h. die Eierstöcke durch löchrichte Siebe reibt, sie alsdann einsalzt und in kleine Fäßchen verpackt. Das Fleisch des Störs bindet man mit Bast, kocht es mit vielem Salze in Kesseln, woraus der Thran, den man an die Lederarbeiter verkauft, durch eine besondere Röhre abgeleitet wird, läßt die gekochten Stücke kalt werden, und verpackt sie in Fäßchen, worin sie mit Weinessig und einem Theil der Brühe übergossen werden. Aber der preußische Caviar wird nicht so geschätzt, als der russische, weil dieser, der auch aus dem Rogen des Hausen verfertiget wird, zum Theil größere Körner hat und wohlschmeckender ist. In Pillau werden höchstens 650, und in manchen Jahren kaum hundert Störe gefangen. Drei Viertel fängt man in dem Haffe, die übrigen in der See. Der Störfang war schon zu Zeiten des Deutschen Ordens ein Regal, und ist auch jetzt für königliche Rechnung verpachtet.
     Löchstadt [Lochstädt], ein Dorf und Domainenamt mit einem alten Schlosse, auf der Erdzunge zwischen der Ostsee und dem frischen Haff. Von dem Schlosse, das auf einer Anhöhe liegt, hat man eine herrliche Aussicht; auch lag vormals bei dieser Burg das Tief, welches das frische Haff mit der Ostsee verband, aber ums Jahr 1394 bei einem heftigen Sturme versandet wurde.
     Palmnicken, ein Dorf an der Ostsee, und der Wohnsitz des Strand-Inspektors, unter dessen Aufsicht das Schöpfen oder die Fischerei des Bernsteins in den benachbarten Buchten steht. Zwischen Palmnicken und Löchstadt ist ein vorzüglicher Torfbruch.
     Dirschkeim, ein Dorf an der Ostsee, und Sitz des Domainenamts gleichen Namens. In diesem Amte wird der meiste Bernstein gefischt und gegraben, und in den Strandbergen bei Groß-Hubicken [Hubnicken] ist sogar bergmännisch darauf gebaut worden. Es wurde nämlich auf dem Berge ungefähr hundert Schritte vom Abhange der See, mit einem Schacht in den Berg gefahren, nach der Tiefe von sechs und achtzig Fuß wurden die Stollen angelegt, man vertiefte hierauf Schacht und Stollen noch um 12 Fuß, und fand nun Adern von Bernstein, welche in flachen Lagen strichen, und worin der Bernstein nesterweise lag. Tiefer fand man nichts als groben feuchten Sand. Nachher hat man zur Erspaarung der Kosten, da man die Tiefe wußte, in welcher der Bernstein lag, keine Schacht mehr angelegt, sondern es wurde von der Seeseite geradezu in den Berg hineingebaut.
     Fischhausen, ein kleines offenes Städtchen an einer großen Bucht des frischen Haffs, die schöne Wieck genannt. Zum Kirchspiele gehören 2073 Menschen, wovon in der Stadt 1250 wohnen. Das der Stadt östlich gelegene Schloß war einst die Residenz der Bischöfe von Samland, und ist jetzt der Sitz des königl. Domainenamtes. Auch befindet sich hier ein Bernsteingericht. Die Einwohner nähren sich hauptsächlich von der Bierbrauerei, dem Ackerbau, der Viehzucht und einigen Handwerken.
     Wargen, ein Kirchdorf im Domainenamte Caporn. Hier liegt die Capornsche Heide, ein großer Fichtenwald, der sich mehrere Meilen weit längs dem frischen Haffe hinzieht, und im dem noch Elendthier gehegt wird, das sonst in Preußen häufiger war. Auch steht in dieser Heide die vier Brüder-Säule, wahrscheinlich zum Andenken von vier im Jahr 1295 hier erschlagenen Brüdern des Deutschen Ordens.

5. Der Labiausche Kreis, welcher auf 19 Quadratmeilen 23.244 Einwohner enthält. Darin
     Labiau, eine hübsche kleine Stadt an der Deine, welche hier durch den großen Friedrichsgraben mit dem Nemonien verbunden ist, und dieser wieder durch den kleinen Friedrichsgraben mit der Gilge, einer von den Hauptarmen der Memel. Auch ist hier ein Schloß. Eine Stunde von Labiau fließt die Deine ins kurische Haff. Durch diese Verbindung des Pregels mit dem kurischen Haffe und der Memel erhält die Stadt einen großen Theil ihrer Nahrung. Auch hat sie viel Ackerbau, da hier die Gegend sehr fruchtbar ist, beträchtliche Fischereien, Lohgerbereyen, Bierbrauereien und Branntweinbrennereien; die Lohgerbereien beschäftigen 48 Arbeiter. Zu dem deutschen Kirchspiel von Labiau gehören 4300 Seelen, während die Stadt selbst nur 2430 Einwohner hat. Hier nimmt auf dem platten Lande die litthauische Sprache ihren Anfang, daher in der Kirche von Labiau für die Landgemeinde auch litthauisch geprediget wird. Die Bürger der Stadt sind aber durchwegs Deutsche, so wie dies überhaupt in allen Städten Litthauens der Fall ist.
     Die übrigen Kirchspiele des Labiauschen Kreises sind: Caymen, Legitten, Gilge, Laukischken und Papelken.

6. Der Wehlausche Kreis mit 15 Quadratmeilen und 20.542 Einwohnern in zehn Kirchspielen, wo
     Tapiau, eine kleine offene Stadt, auf eine Anhöhe am Pregel, mit einem Schlosse, das eins der festesten Schlösser des deutschen Ordens war, und seit 1787 zur Landarmen-Verpflegungsanstalt und einem Arbeitshause eingerichtet ist. In diesem werden besonders gute Zimmer-Teppiche gemacht, die sehr gesucht sind, da sie sich durch Wohlfeilheit und gute Muster auszeichnen. Auch werden hier Strümpfe, Handschuhe und Unterkleider gestrickt, wovon in Königsberg eine Niederlage ist. Zwischen der Stadt und dem Schlosse nimmt der Canal seinen Anfang, der aus dem Pregel in die Deine bey Laukischken geht, und den Pregel mit dem kurischen Haffe verbindet. Tapiau, das erst im Jahr 1722 Stadtrechte erhielt, hat 1650 Einwohner, während zu seinem Kirchspiel 3396 Seelen gehören. Die Stadt nährt sich vorzüglich vom Ackerbau, da sie in einer fruchtbaren, herrlich angebauten Landschaft liegt. Auch sind hier 13 Lohgerber und ein Weißgerber.
     Wehlau, eine schlecht gebaute Stadt am Zusammenflusse der Alle und des Pregels von 3147 Einwohnern. Über den Pregel geht hier eine Brücke von 1002 Fuß. Der Hauptnahrungszweig ist Ackerbau und Lederbereitung, da von dem ehemaligen beträchtlichen Handel nur noch einiger Getreide- und Leinwandshandel übrig ist. Berühmter ist der hiesige Pferdemarkt. Mit der Lederbereitung beschäftigen sich 35 Lohgerber und zwei Weißgerber. Vor der Stadt liegt die sogenannte Pinnauische Fabrik, welches wichtige holländische Mehl-, Graupen-, Oel-, und Säge-Mühlen sind. Auch befindet sich hier ein Kupferhammer. Eine Stunde von Wehlau ist im siebenjährigen Kriege die erste Schlacht zwischen den Preußen und Russen vorgefallen.

7. Der Friedländische Kreis, auf 16 1/4 Quadratmeilen 19.249 Einwohner enthaltend. ...

Das Buch sollte eine statistische Übersicht über alle Landesteile Preußens geben. Nach den großen Landverlusten während der Napoleonischen Kriege und den nach dem Wiener Kongress neu hinzugekommenen Landesteilen bedurfte es wohl einer aktuellen Übersicht. Neben den heute noch allgemein bekannten Provinzen Brandenburg, Preußen, Schlesien und Westfalen wird z.B. auch das "Fürstenthum Neuenburg oder Neufchatel mit der Grafschaft Vallengin" in der Schweiz beschrieben, das seinerzeit noch zum Königreich Preußen gehörte. So wird verständlich, dass nicht jede Provinz und jedes Städtchen mit allen erwähnenswerten Eigenarten ausführlicher dargestellt werden konnte. Aber dennoch bietet das Buch bemerkenswert reichhaltige Informationen über das Leben und die Wirtschaft jener Zeit.




Freitag, 24. Januar 2014

Kröligkeim und Löwenstein

Wie schon in den beiden vorhergehenden Berichten angedeutet, habe ich auf meiner Reise durch das ehemalige Ostpreussen auch die Dörfer Kröligkeim / Krelikiejmy und Löwenstein / Lwowiec angesteuert.

Über meine Urgroßmutter Auguste Müller (1859-1942) bin ich fast mit allen Familien dieser beiden Dörfer verwandt. Auguste wurde in Schippenbeil geboren und heiratet dort 1888 meinen Urgroßvater Wilhelm August Haupt. Die Familien kannten sich, die Eltern waren Nachbarn. Die Müllerschen Eltern (Ludwig Müller 1820-1903, Caroline Matz 1828-70) stammten beide aus Kröligkeim. Das ist meine genealogische Verbindung in diese Gegend.

Über die schwierigen Ermittlungen in den Löwensteinschen Kirchenbüchern hat Martin schon früher in diesem BLOG berichtet: http://www.genealogischenotizen.blogspot.de/2008/10/suchspiel-im-kirchspiel-lwenstein-ein.html
Aber seit Heide Almendinger die Kirchenbücher vollständig erschlossen und online gestellt hat, konnten wir viele verbliebenen Lücken schließen und Unklarheiten aufklären. Hier findet man den Zugang zu den Kirchenbuch-Daten:
http://www.portal-ostpreussen.de/Members/Tarquinia/ofb_kirchspiel_loewenstein/ 

Aber nun zurück zu unserer Reise im letzten Sommer. Eine Auswahl von Fotos aus Kröligkeim / Krelikiejmy :
Blick vom Hügel des Friedhofs auf Kröligkeim

Der Friedhof bei Kröligkeim. Die deutschen Grabsteine sind zerstört, die namenlosen Gräber aber noch erkennbar. Die heutigen Grabstätten zeigen überwiegend russisch/ukrainisch klingende Namen in kyrillischer Schrift.

 
Eine große alte Scheune zeugt von guten Erträgen und früherem Wohlstand.




Ein typisches altes Haus in Kröligkeim mit liebevoll gepflegtem Blumengarten

Auf jeder Scheune in Kröligkeim ein Storchennest
Folgende Fotos sind aus Löwenstein:



 
 

Alle Fotos aufgenommen im August 2013.