Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Familiengeheimnisse, Gerüchte und rätselhafte Geschichten

Ella Haupt, 1980er Jahre
Meine Großmutter Ella HAUPT, geb. SCHMADTKE (*22.12.1895 in Canditten), verstarb im Alter von 92 Jahren am 6. August 1987. Damals reiste ich an der Ostküste der USA umher, monatelang ohne jeglichen Kontakt zur Familie in Deutschland. Telefonieren war teuer und eMail gab es noch nicht. Ich erfuhr erst nach meiner Rückkehr im Herbst 1987 von ihrem Tod. Während meiner USA-Reise habe ich teilweise Tagebuch geführt. Darin hatte ich auch die Beschreibung eines seltsamen Traums Anfang August vermerkt: Ich sah meine Großmutter mit starren Augen und geöffnetem Mund in ihrem Bett liegen und begriff ganz sachlich ohne größere Aufregung, sie müsse gestorben sein. Ich fand den Traum damals bemerkenswert, weil mich auf meinen Reisen ganz andere Dinge völlig ausfüllten und ich mit keinem Gedanken an Familienbelange dachte. Ich wunderte mich nicht weiter, als ich bei meiner Rückkehr von ihrem tatsächlichen Versterben erfuhr. Ich „wußte“ es ja bereits. Ich wunderte mich aber doch etwas, als mir mein Vater Jahre später einmal nicht ohne nachträgliche Entrüstung erzählte, Tante Irmgard hätte sich nicht überwinden können, Ella die Augen zu schließen und den Kiefer hochzubinden. Großmutter Ella sei in diesem Zustand in die Totenstarre gefallen.

Diese merkwürdige Koinzidenz beschwor die Erinnerung an Ellas Vater Ferdinand SCHMADTKE (*28.3.1865 in Grünwalde bei Landsberg, †3.1.1933 in Landsberg) herauf und die spukigen Geschichten, die sie über ihn erzählt hatte. Ich zitiere aus Ellas Aufzeichnungen, die sie im Jahr 1982 niederschrieb: >> Vater hatte einen Freund, der TBC-krank war und wußte, daß er bald sterben mußte. Mein Vater und noch ein Freund haben ihn oft besucht und weil nun jeder über den Tod andrer Meinung war, wurde abgemacht, daß der Tote kommen und erzählen solle, wie es ist. Als er gestorben war, kam er in der Nacht zu Vater. Der mußte aufstehen und erblickte eine helle Gestalt, die mit ihm redete und ihm sagte, er solle nicht mehr zu seiner Braut gehen, denn die heirate einen andern und vieles, was mein Vater später auch erlebt hat, auch über mich. Ich werde zwei Männer haben, es komme darauf an, wen ich heirate. Bei einem werde ich alles haben und bei dem andren werde ich Not leiden. Dies hat mir mein Vater erst erzählt, als ich mich entscheiden mußte. Nach dieser Aussprache mit dem Toten ist Vater mehrere Tage wie krank aussehend herumgegangen. Auf Fragen seiner Eltern und Geschwister gab es keine Antwort. Die Antwort auf die Frage, wie der Tod sei, beantwortete er so: „Es ist nicht so, wie du oder ich gedacht haben – es ist ganz anders!“ <<

Ferdinand Schmadtke
Ella meinte, ihr Vater Ferdinand sei „spökenkiekerisch“ veranlagt gewesen. Und sie war außerdem fest davon überzeugt, daß ihr der Vater geholfen hätte zu überleben, als sie 1945 auf der Flucht ihre Familie verlor und bis 1948 unter schrecklichsten Bedingungen im sowjetisch besetzten Ostpreußen festgehalten wurde. Sie träumte in jenen furchtbaren Jahren oft von ihrem verstorbenen Vater, der ihr im Traum mitteilte, wo sie noch etwas zu essen finden könne, wo sie sich vor Gefahren in Acht zu nehmen habe und – das Wichtigste – daß sie ihre Familie wiederfinden werde. Das habe ihr mehrfach aus dem Schlimmsten herausgeholfen. Ohne diese Traumgeschichten hätte sie sich einfach entkräftet in den Schnee sinken lassen und so oder auf andere Weise dem Leiden ein Ende gesetzt. An Gelegenheiten dazu fehlte es nicht.

Sollte etwas von diesen merkwürdigen Fähigkeiten auf mich gekommen sein? Der Verdacht liegt nahe. Ich träume jede Nacht heftig und oft mehr als mir gut tut. Wenn ich immer meine lebhaften Traumgeschichten aufschriebe, ich käme zu nichts anderem mehr. Einiges davon bleibt dennoch nachhaltig im Gedächtnis und führt gelegentlich zu seltsamen déjà-vue-Erlebnissen.

In Ellas oben zitierten Ausschnitt aus ihren Aufzeichnungen gibt es einen bemerkenswerten Satz: „Ich werde zwei Männer haben, es komme darauf an, wen ich heirate.“ Wer waren diese Männer? Einer davon war Wilhelm HAUPT (*31.12.1893 in Schippenbeil, †12.2.1946 in Lehnin/Brandenburg), mein Großvater. Mit ihm hatte sie 8 Kinder, das 7. in der Reihe war mein Vater. Aber bekanntermaßen gab es dann noch Onkel Walter (*16.12.1920, †1983), ihr allererstes Kind von dem großen Unbekannten, der gleichfalls um sie warb. Großmutter Ella hatte mehrfach und in Varianten davon erzählt, daß dieser Unbekannte aus verschiedenen Gründen ihrer Familie und ihren älteren Halbschwestern nicht genehm war. Der Wilhelm HAUPT schien solider zu sein, einziger Sohn eines stattlichen Hofbesitzers bei Schippenbeil. Der andere Kandidat konnte vermutlich weniger Garantien für ein auskömmliches Familienleben vorweisen, löste aber wohl tiefere Gefühle und größeres Begehren aus.

Meine Großmutter habe ich als eher sachlich vernünftig erlebt, keine überbordenden Emotionen, gelegentlich schimmerte ein Hang zur Melodramatik durch in ihren Erzählungen. Aber wenn sie noch im Alter von über 80 Jahren mit unterschwelligem Bedauern an eine nicht gelebte Liebe zurückdenkt, muß dieser unbekannte Mann doch auf seine Weise sehr bemerkenswert gewesen sein. Außerdem gilt zu bedenken, daß meine Großmutter zur Zeit dieser Affäre kein Backfisch mehr wahr, sondern nach damaliger Einschätzung schon fast ein „spätes Mädchen“ von 24 Jahren. Ellas Halbschwestern spielten eine ambivalente Rolle in der Geschichte. Zum besseren Verständnis sollte ich wohl vorher die Familienverhältnisse genauer aufrollen:

Johanna Schmadtke
Johanna Friederike SCHIKORR (*22.9.1853 in Canditten, †16.12.1941 in Landsberg/Pr.Eylau), meine Urgroßmutter, war in erster Ehe verheiratet mit einem Herrn SCHIRMACHER in Canditten. Von ihm weiß ich keine weiteren Daten, nur das, was Großmutter Ella beiläufig berichtete. Leider gibt es keine Kirchenbücher mehr aus Canditten für diese Zeit, um genaueres zu erfahren. Aus dieser ersten Ehe stammen 4 Töchter: Hulda SCHIRMACHER, verehelichte BÖHNKE (*27.2.1887 in Canditten, 31.12.1949 für tot erklärt, verschollen in Königsberg); verehelichte LINDENAU; verehelichte KNORR; verehelichte SCHÖNFELDT. Vornamen und weitere Daten zu den unbenannten Schwestern sind nicht überliefert und mangels Quellen nicht mehr zu recherchieren.

Die verwitwete Johanna Friederike SCHIKORR angelt sich in zweiter Ehe 1894 einen jüngeren Mann: Ferdinand SCHMADTKE heiratet mit 29 Jahren, während Johanna gerade die 40 überschritten hat. Älteste Tochter aus dieser Verbindung ist die schon erwähnte Ella SCHMADTKE *22.12.1895, zweites und letztes Kind Frieda SCHMADTKE, beide in Canditten geboren.

Ella Schmadtke 1912
Hier sollte ich wieder einen thematisch passenden Auszug aus Ellas Erinnerungen ihrer Jugend in Canditten einfügen: >> Mutter, geborene Schikorr, war die einzige Tochter. Von den drei Brüdern bleib nur der Jüngste am Leben. Als der erste [älteste] Bruder zu den Soldaten kam, wurde ihm beim Exerzieren auf dem Kasernenhof schlecht und er mußte sich hinlegen. Der Tod trat nach ein paar Tagen ein und das Gleiche geschah auch beim zweitältesten Sohn. Die Großmutter [Dorothea Gotthilf SCHIKORR, geb. POTTRICK, *27.2.1825 in Windkeim, †30.3.1889 in Canditten] wäre bald vor Gram gestorben. Onkel Hermann [Schikorr], der jüngste, wurde vom Soldatenspielen befreit. Er war 12 Jahre im Dorf Canditten Bürgermeister. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Seine erste Frau starb an TBC. Ich kenne nur die zweite Frau.
Mein Vater war auch Mutters zweiter Mann. Der erste Mann von Mutter ist auch an TBC gestorben. Mutter hatte zwei Onkels, die königliche Oberförster in der Rominter Heide waren und sich zu Besuch angemeldet hatten. Alles war vorbereitet und Mutter war auch sauber angezogen worden. Da kam ihre Freundin zu ihr und verlangte ein Stück Zucker, sonst sei sie giftig auf sie, also böse. Der Zucker stand hoch an der Wand auf einem Brett, denn sie hatten noch ein kleines Kolonialwarengeschäft. Mutter war noch klein und kletterte auf die untenstehende Mehltonne, wollte nach dem Zucker angeln. Da drehte sich der Deckel und sie fiel in die Mehltonne. Als man sie aus der Tonne gezogen hatte, kamen die Onkels und wollten das „Hannchen“ begrüßen. Sie versteckte sich hinter Mutters Rock und drehte sich immer mit Ihrer Mutter hinter dem Rock mit. Dies hat uns Mutter selbst erzählt.
Der Großvater Schikorr [Carl Ludwig SCHIKORR, *31.12.1821 in Gallingen, †2.6.1902 in Canditten] war ein Pferdeliebhaber und als er eines Tages sein gekauftes Pferd im Garten nochmal beschauen wollte, stolperte er über eine Baumwurzel und brach sich die Hüfte. Nun saß er in einem schwarz lackierten Korbstuhl, der eine Kopfstütze hatte, am Fenster. Von da konnte er die Dorfstraße entlangsehen, den Stock hatte er neben sich stehen. So fand ich ihn immer sitzen, wenn Mutter mich zu ihm schickte. Onkel Hermann mußte die Wirtschaft übernehmen. Er war aber zum Gärtner ausgebildet. So hat er einen großen Obstgarten angepflanzt. Die Äpfel wurden mit Handschuhen gepflückt, in Kisten gepackt und nach Königsberg in die Markthalle gebracht, wo jeder seinen Stand hatte und die Äpfel teuer verkauft wurden. Die andren Bauern haben immer gern über ihn gespottet, er hätte auf seinem Sand Gemüsebeete gemacht. Es waren Versuchsfeldbeete und wenn er nachher besseren Hafer usw. erntete, dann hieß es „dem glückt alles.<<

Wie ging es nun weiter mit der rätselhaften ersten Liebe meiner Großmutter?

Als nicht mehr zu übersehen war, daß eine Begegnung Folgen zeitigte, daß meine Großmutter in anderen Umständen war, fühlte sich die Familie genötigt, zwecks Rettung des Ansehens und Anbahnung geordneterer Verhältnisse energisch einzuschreiten. Meine Großmutter wurde umquartiert zu einer ihrer älteren Halbschwestern. Die Töchter aus erster Ehe von Johanna SCHMADTKE, verwitwete SCHIRMACHER, geb. SCHIKORR, waren schon jahrelang gut unter die Haube gebracht, wie man damals sagte. Bei einer dieser Schwestern, wo sie zu Gast war, so berichtete Ella mit verhalten melodramatischem Unterton, habe sie auf ihrem Nachttischchen eine Röhrchen mit Schlaftabletten vorgefunden. Sie habe aber nicht daran gedacht, dieser subtilen wie perfiden Aufforderung Folge zu leisten. Die Umstände sollte sich anders fügen. Halbschwester Hulda BÖHNKE, geb. SCHIRMACHER, wollte den unehelich geborenen Walter gern adoptieren, da es an eigenen Kindern fehlte.

Aus Ellas mündlich überlieferten Erzählungen, so wie ich sie erinnere: Während Ella zu Gast bei einer der Halbschwestern der bevorstehenden Geburt entgegensah, versuchte der Vater des Kindes herauszufinden, wo Ella geblieben war. Als er sie fand und besuchen wollte, sagte man ihm, Ella wolle nichts mehr von ihm wissen. Und Ella sagte man, das sei ja ein schöner Vater, der nach Bekanntwerden der Schwangerschaft nun nichts mehr von sich hören ließe. Auf diesen Mann sei kein Verlass.

Ella & Wilhelm Haupt 1921
So kam doch noch mein Großvater Wilhelm HAUPT zum Zuge, der bevorzugte Kandidat der Familie, aber nur zweite Wahl meiner Großmutter. Aus den Geschichten meiner Onkel und Tanten hörte ich immer wieder, Wilhelm HAUPT habe seine Ella - er sagte immer Ellen, weil er Ella zu gewöhnlich fand – er habe sie abgöttisch geliebt. Ob er wohl gemerkt hat, daß er „nur“ zweite Wahl war? Ob Ella es ihn gelegentlich hat merken lassen? Passende Gelegenheiten hätte es sicherlich dazu gegeben, wenn man an die tragische Existenz meines Großvaters denkt: das Scheitern als Gutsbesitzer, der Bankrott als Folge der Inflationszeit, die eher als schmachvoll empfundenen Inspektoren- und Verwalterstellen auf anderen Gütern und dann ab 1932 der mühsame Aufbau eines eigenen bescheidenen Besitzes, was nur noch -wegen des Bankrotts- auf den Namen meiner Großmutter möglich war.

Aber wer war nun der große Unbekannte und erste Mann im Leben meiner Großmutter? Ich selbst habe zu Lebzeiten meiner Großmutter nie zu fragen gewagt. Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht erinnern, je daran gedacht zu haben. Mit Anfang 20 war ich noch gänzlich unbewußt in die subtilen Tabus der Familie eingebunden. Ich wagte nicht, heikle Fragen zu stellen. Nicht wegen meiner Großmutter. Sie hätte mir vielleicht etwas erstaunt, aber sicherlich unumwunden und ohne falsche Scham Auskunft gegeben. Aber da waren die vielen älteren Geschwister meines Vaters. Und ich war nur das Kind vom Werner, dem 7. Kind der Reihe – Walter nicht mitgerechnet. Mir stand es einfach nicht zu, etwas zu hinterfragen, was nicht von vornherein die Billigung der Familie gefunden hätte. Ich dachte und empfand das damals nicht bewußt, sondern „funktionierte“ ohne zu reflektieren in diesem gewissermaßen ziemlich beschränkten Rahmen des Familiensystems.

Ob Walter Böhnke gewußt hat, wer sein leiblicher Vater gewesen ist? Ich habe wirklich keine Ahnung. Wenn er etwas wußte, hat er wohl bevorzugt, darüber zu schweigen. Offiziell ist er von den Böhnkes adoptiert worden und sie stehen als Eltern in seinen Papieren. Kein Hinweis auf seinen leiblichen Vater, sagen seine Kinder. Walter hat 2 Töchter aus erster Ehe und einen Sohn aus zweiter Ehe. Sie kennen den Vater ihres Vaters nicht. Alle Zeitzeugen, die man noch fragen könnte, sind bereits lange verstorben. Man kann nur kühne Rückschlüsse ziehen aus Walters physischer Erscheinung und seinem gewissen Charisma und Charme, um sich das sicherlich attraktive Auftreten seines Vaters vorzustellen.

Es bleibt die Frage: wer war der unbekannte Mann und was ist aus ihm geworden? Warum hat niemand vor mir diese Frage gestellt?

Wer mehr über Canditten wissen will (im 20. Jh. auch Kanditten, polnisch Kandyty), findet z.B. hier weiterführende Informationen: www.natangen.de/ 

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