Zwei Mal zeitgleich Albrecht von Brandenburg-Ansbach
Mitte Juni des Jahres 1516 wird in der Canzley des Hochmeisters zu Königsberg ein Brief an einen der mächtigsten Männer im Deutschen Reich geschrieben, an Albrecht von Brandenburg-Ansbach, seit 1513 Erzbischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt, seit 1514 Erzbischof und regierender Churfürst von Mainz, 1518 geht auch der Kardinalshut an ihn. Gleichzeitig stehen ihm die Primaswürde und die Rechte eines Erzkanzlers im Reich zu. Albrecht von Brandenburg ist nach dem Kaiser der bedeutendste Mann im Reich! Durch die Ämterhäufung vereinigt sich in seiner Person geistliche und weltliche Macht in bisher nie gekanntem Umfang. Wenn man annähme, daß heute eine Person Ministerpräsident gleich mehrerer Bundesländer, außerdem Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Innenminister der Bundesregierung in Verbindung mit den Einkünften heutiger Spitzenmanager wäre, bekäme man vielleicht annähernd eine Vorstellung von der Bedeutung der Machtposition des Erzbischofs Albrecht.
Der Absender des Schreibens an Erzbischof Albrecht trägt den gleichen Vor- und “Familien”-Namen: er heißt ebenfalls Albrecht von Brandenburg-Ansbach und steht ebenfalls einem geistlichen Fürstentum vor, dem Ordensland Preussen. Der gewählte Hochmeister “regiert” auf Lebenszeit das nicht zum Reichsgebiet gehörende Ordensland wie ein souveräner Fürst. Er hat ursprünglich keinen Kaiser oder anderen Fürsten über sich gehabt, nur den Papst in Rom als geistliches Oberhaupt. Die Hochmeister sind erst nach dem unseligen Bürgerkrieg im Ordensland Preussen 1453-1466 dem polnischen König lehensuntertan geworden und haben damit ihre alleinige fürstliche Souveränität über das seitdem fast um die Hälfte verkleinerte Ordensland eingebüßt.
Beide, Schreiber und Empfänger, tragen nicht nur den gleichen Namen, sondern sind auch miteinander nah verwandt:
- Erzbischof Albrecht ist der 6 Jahre jüngere Bruder des brandenburgischen Churfürsten Joachim I. Nestor in Berlin. Er kam 1490 im Schloß zu Cölln an der Spree zur Welt.
- Hochmeister Albrecht entstammt dem fränkischen Zweig des Hauses Hohenzollern und wurde in Ansbach im gleichen Jahr (1490) geboren.
Beide Albrechts sind Cousins und haben einen gemeinsamen Großvater: Albrecht III. Achilles (1414-1486), Churfürst in Berlin und Markgraf von Brandenburg-Ansbach. Die Väter beider Albrechts sind die Brüder:
- Johann Cicero (1486-99), Churfürst von Brandenburg in Berlin residierend und
- Friedrich II. (1460-1536), Marggraf in Ansbach und Kulmbach.
Friedrich II. hat mit seiner Gemahlin Sophia von Polen (Tochter König Kasimirs von Polen und der Elisabeth von Habsburg) 17 Kinder, versucht nach dem Tod seines Bruders 1499 -erfolglos- Regentschaftsansprüche auf den Churfürstenthron in Berlin durchzusetzen und wird 1515 wegen seines über die Maßen aufwendigen Lebensstils von zweien seiner älteren Söhne in der fränkischen Plassenburg ab- und gefangengesetzt. Zu der Zeit ist das 8. Kind aus jener Linie, Albrecht, bereits seit 4 Jahren Hochmeister in Königsberg.
Aus welchem Anlass läßt nun der preußische Ordenshochmeister Albrecht im Frühsommer der Jahres 1516 dem Vetter gleichen Namens schreiben? Der Anlass ist einer unserer Urahnen: Heinrich von Schwichell (ca. 1480-1545), der neue Geschütz- und Glockengießer des Hochmeisters Albrecht! In einem über 20 Zentimeter dicken, mit geprägtem Leder bezogenen Folianten sind alle ausgehenden Schreiben der Königsberger Canzley des Jahres 1516 in Abschriften verzeichnet. Der Foliant steht heute im Berliner Staatsarchiv. Auf Seite 32 des dicken handgeschriebenen Buches finde ich diesen Text:
Am Freyttag nach Barnab[a]s (Barnabas = 11.06.) ist dem Bisthoff zu Maigdburg geschrb /
Der Absender des Schreibens an Erzbischof Albrecht trägt den gleichen Vor- und “Familien”-Namen: er heißt ebenfalls Albrecht von Brandenburg-Ansbach und steht ebenfalls einem geistlichen Fürstentum vor, dem Ordensland Preussen. Der gewählte Hochmeister “regiert” auf Lebenszeit das nicht zum Reichsgebiet gehörende Ordensland wie ein souveräner Fürst. Er hat ursprünglich keinen Kaiser oder anderen Fürsten über sich gehabt, nur den Papst in Rom als geistliches Oberhaupt. Die Hochmeister sind erst nach dem unseligen Bürgerkrieg im Ordensland Preussen 1453-1466 dem polnischen König lehensuntertan geworden und haben damit ihre alleinige fürstliche Souveränität über das seitdem fast um die Hälfte verkleinerte Ordensland eingebüßt.
Beide, Schreiber und Empfänger, tragen nicht nur den gleichen Namen, sondern sind auch miteinander nah verwandt:
- Erzbischof Albrecht ist der 6 Jahre jüngere Bruder des brandenburgischen Churfürsten Joachim I. Nestor in Berlin. Er kam 1490 im Schloß zu Cölln an der Spree zur Welt.
- Hochmeister Albrecht entstammt dem fränkischen Zweig des Hauses Hohenzollern und wurde in Ansbach im gleichen Jahr (1490) geboren.
Beide Albrechts sind Cousins und haben einen gemeinsamen Großvater: Albrecht III. Achilles (1414-1486), Churfürst in Berlin und Markgraf von Brandenburg-Ansbach. Die Väter beider Albrechts sind die Brüder:
- Johann Cicero (1486-99), Churfürst von Brandenburg in Berlin residierend und
- Friedrich II. (1460-1536), Marggraf in Ansbach und Kulmbach.
Friedrich II. hat mit seiner Gemahlin Sophia von Polen (Tochter König Kasimirs von Polen und der Elisabeth von Habsburg) 17 Kinder, versucht nach dem Tod seines Bruders 1499 -erfolglos- Regentschaftsansprüche auf den Churfürstenthron in Berlin durchzusetzen und wird 1515 wegen seines über die Maßen aufwendigen Lebensstils von zweien seiner älteren Söhne in der fränkischen Plassenburg ab- und gefangengesetzt. Zu der Zeit ist das 8. Kind aus jener Linie, Albrecht, bereits seit 4 Jahren Hochmeister in Königsberg.
Aus welchem Anlass läßt nun der preußische Ordenshochmeister Albrecht im Frühsommer der Jahres 1516 dem Vetter gleichen Namens schreiben? Der Anlass ist einer unserer Urahnen: Heinrich von Schwichell (ca. 1480-1545), der neue Geschütz- und Glockengießer des Hochmeisters Albrecht! In einem über 20 Zentimeter dicken, mit geprägtem Leder bezogenen Folianten sind alle ausgehenden Schreiben der Königsberger Canzley des Jahres 1516 in Abschriften verzeichnet. Der Foliant steht heute im Berliner Staatsarchiv. Auf Seite 32 des dicken handgeschriebenen Buches finde ich diesen Text:
Am Freyttag nach Barnab[a]s (Barnabas = 11.06.) ist dem Bisthoff zu Maigdburg geschrb /
... uns bericht unser Buxen Meister und gießer, lieber und getreuer Hainrich von Schwichell, wie E / L / [Euer Liebden] ettliche glocken [,] daruber ein große gefallenn soll [,] In willens zugiessen lassenn, wo dem alßo ist an euer lieb unßer freundlich bethe, dieselbige wolle nymanns anderst dan[n] unßern Büxsengießer solch arbait zugießen vergonnen dann er von vorhofft und hatt sich auch dermasse mich glocken und büxsen giessen [,] woll und genug samlich bey uns beweist [,] das I[h]me gott das glück darzu auch verleyhen werdt [,] E / L / wolle uns zu diesem Wilffarn sendt wir In vertrawen er werdt euer lieb auch beheglich dermassen erstheunen, das wolle wir uns diesel(b) E / L / freuntlich verdienen Bitte Hieruff E / L / anthwort doch(?) uns
Im Herbst 1514 ist Heinrich von Schwichell von Livland aus den Diensten des Landmeisters des baltischen Ordensgebiets nach Königsberg empfohlen worden und hat für seinen neuen Dienstherrn in Preussen erfolgreich erste Glocken gegossen (...woll und genugsamlich bey uns beweist...er werdt euer lieb auch beheglich dermassen erstheunen). Hochmeister Albrecht nimmt ihn 1515 in Dienst auf Lebenszeit: man könnte sagen, er ist nun verbeamtet. 1516 gibt es offenbar keine aktuellen Gießaufträge im Ordensland Preussen. So soll Heinrich ins Erzbistum Magdeburg “ausgeliehen” werden. Vielleicht erhofft sich Heinrich auch einen weiteren Karrieresprung bei einem so einflußreichen Auftraggeber.
Im Herbst 1514 ist Heinrich von Schwichell von Livland aus den Diensten des Landmeisters des baltischen Ordensgebiets nach Königsberg empfohlen worden und hat für seinen neuen Dienstherrn in Preussen erfolgreich erste Glocken gegossen (...woll und genugsamlich bey uns beweist...er werdt euer lieb auch beheglich dermassen erstheunen). Hochmeister Albrecht nimmt ihn 1515 in Dienst auf Lebenszeit: man könnte sagen, er ist nun verbeamtet. 1516 gibt es offenbar keine aktuellen Gießaufträge im Ordensland Preussen. So soll Heinrich ins Erzbistum Magdeburg “ausgeliehen” werden. Vielleicht erhofft sich Heinrich auch einen weiteren Karrieresprung bei einem so einflußreichen Auftraggeber.
Am 10. Juli 1516 läßt Erzbischof Albrecht nach Königsberg antworten: Unser fruntliche dinnste und was wir liebs und guts vermögen alzeit, Erwirdiger und Hochgeborner Fürst fruntlicher lieber vetter / Euer Liebden schreiben von wegen des Buchssen giessers Heinrichs von Sweichel haben wir sampt euer liebd[en] bitt, bekomen, und wissen von keynen glocken die wir zu giessen lassen bedacht, noch zu haben bedurffen, hirinnt isd kein arbeit der wegen bey uns verhanden, Es ist aber ettwann unser Capittel zu Magdeburg wol willens gewest ein groß glocken zugiessen lassen, ob se darzu aber noch gesynnet oder nicht wissen wir nicht, wie das nu einen furdgang bey ynen haben wurde, Wollenn wir e.l. zu fruntschafft und gefallen die diesser furbitt mitt dem besten eindrucke sein, dann e.l. fruntliche dinste und willefarung zuerzeigen, sind wir alzeitt zuthun geneigt[.] Dan zu Halle uff Sanct Moritzburg donnstags nach Kiliani anno -XVI
Albrecht von anspach Ertzbischoff zu Magdeburg und Meintz Primas unnd Churfurst, Administrator des Stiffts zu Halberstadt, Marggrawe zu Brandenburg zu Stettin Pomern u Herzog Burggwe zu Norembg und furst zu Rugenn
Der Gießer Heinrich von Schwichel bleibt vorerst weiter in Preussen. In diesem Schreiben deutet sich das erste Mal die oberdeutsche Lautverschiebung im eigentlich niederdeutschen Namen Schwichel an: in Magdeburg schreibt man “Sweichel” (siehe auch die Geschichte über den Glockengießer Heinrich von Schwichel: http://genealogischenotizen.blogspot.de/2010/12/glockengieer-heinrich-von-schwichel-ca.html).
Nehmen wir diese Bezüge zum Anlass, uns mit der Person des Erzbischofs Albrecht und den bis in unsere heutige Zeit hineinwirkenden Folgen seines Schaffens zu zuzuwenden:
Der Rest der Geschichte ist in groben Zügen allgemein bekannt: Johann Tetzel waltet seines Amtes im Erzbistum Magdeburg, schüchtert das Volk durch Höllen-Predigten ein, um reichlich Ablass gegen bare Münze auszuteilen. Dem Theologie-Professor und Augustinermönch Luther in Wittenberg kocht darob die Galle über und er formuliert 1517 seine bekannten Thesen.
Durch eine atemberaubende Prachtentfaltung in seiner Residenz Halle versucht der Renaissance-Fürst Albrecht der
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Was wird aus dem Vetter gleichen Namens im Ordensland Preussen? Hochmeister Albrecht steht zwar schon seit 1511 dem Orden vor, hat aber den erforderlichen Lehenseid gegenüber seinem Onkel König Sigismund I. von Polen 1516 noch nicht geleistet. Mit kühnen Ausreden kann er alle angesetzten Termine zur Reise nach Krakau immer wieder verschieben. 1519-20 spitzt sich die Lage zu. Albrecht hat insgeheim nach Bündnispartnern Ausschau gehalten: bei Verwandten im Deutschen Reich, in Skandinavien und sogar Moskau sucht er -nicht sonderlich erfolgreich- Unterstützung für einen anstehenden Waffengang, um die polnische Lehensherrschaft über den Ordensstaat endlich wieder abzuschütteln. Sigismund läßt Truppen aufmarschieren. Es kommt zu vielen erschöpfenden Scharmützeln, die letztlich für beide Teile nur hohe Verluste gebracht und die Machtfrage nicht entschieden haben.
Man vereinbart einen vorläufigen Frieden auf 4 Jahre zwischen Preußen und Polen. In diesen Jahren reist der Hochmeister viel umher, um für seine Angelegenheit zu werben. Man interessiert sich jedoch nicht sonderlich für das ferne Preußen. Luthers Ideen sorgen für Unruhe im Reich. Der Hochmeister trifft sich heimlich mit ihm. Die Verhandlungen mit dem polnischen König in Krakau nehmen eine überraschende Wendung: 1525 kommt es zu einem kühnen Staatsstreich. Der Hochmeister macht aus dem ihm unterstellten Ordensland ein erbliches Herzogtum. Nun endlich leistet er seinem Onkel in Polen den Lehenseid. Der König läßt offiziell aus Krakau verlauten, der Orden habe sein Recht auf das Land verwirkt, da dieser es seit 1511 nicht für nötig gehalten habe, das Lehen zu erneuern. So habe er 1525 von seinem Recht auf Neuvergabe gebraucht gemacht. Preußen wird protestantisch, auch um sich vom Orden und vom Papst als ehemaligen obersten Herrn zu distanzieren.
Herzog Albrecht heiratet 1526 die dänische Königstochter Dorothea. Aus der männerdominierten Ordensresidenz Königsberg wird nun ein Fürstenhof mit Hofdamen und Frauenzimmern, an dem dynastisches Kalkül Einzug hält, aber auch repräsentative Selbstdarstellung durch Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Reformation kann sich hier ungehindert entfalten und strahlt aus in die Nachbarlande. Kluge Köpfe werden gefördert, Schulen und Universität gegründet, Druckereien für reformatorische Schriften etabliert. Der Orden erwirkt zwar gegen Usurpator Albrecht 1531 eine Reichsacht, die aber aufgrund der innenpolitischen Instabilitäten durch Luther und die ihm zugewandten Reichsfürsten wirkunglos und folgenlos bleibt. Albrecht ist unangefochten Herzog in seinem Reich Preussen.
Man vereinbart einen vorläufigen Frieden auf 4 Jahre zwischen Preußen und Polen. In diesen Jahren reist der Hochmeister viel umher, um für seine Angelegenheit zu werben. Man interessiert sich jedoch nicht sonderlich für das ferne Preußen. Luthers Ideen sorgen für Unruhe im Reich. Der Hochmeister trifft sich heimlich mit ihm. Die Verhandlungen mit dem polnischen König in Krakau nehmen eine überraschende Wendung: 1525 kommt es zu einem kühnen Staatsstreich. Der Hochmeister macht aus dem ihm unterstellten Ordensland ein erbliches Herzogtum. Nun endlich leistet er seinem Onkel in Polen den Lehenseid. Der König läßt offiziell aus Krakau verlauten, der Orden habe sein Recht auf das Land verwirkt, da dieser es seit 1511 nicht für nötig gehalten habe, das Lehen zu erneuern. So habe er 1525 von seinem Recht auf Neuvergabe gebraucht gemacht. Preußen wird protestantisch, auch um sich vom Orden und vom Papst als ehemaligen obersten Herrn zu distanzieren.
Herzog Albrecht heiratet 1526 die dänische Königstochter Dorothea. Aus der männerdominierten Ordensresidenz Königsberg wird nun ein Fürstenhof mit Hofdamen und Frauenzimmern, an dem dynastisches Kalkül Einzug hält, aber auch repräsentative Selbstdarstellung durch Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Reformation kann sich hier ungehindert entfalten und strahlt aus in die Nachbarlande. Kluge Köpfe werden gefördert, Schulen und Universität gegründet, Druckereien für reformatorische Schriften etabliert. Der Orden erwirkt zwar gegen Usurpator Albrecht 1531 eine Reichsacht, die aber aufgrund der innenpolitischen Instabilitäten durch Luther und die ihm zugewandten Reichsfürsten wirkunglos und folgenlos bleibt. Albrecht ist unangefochten Herzog in seinem Reich Preussen.

Fest steht: beide Albrechts müssen zum Ende ihres Lebens herbe Enttäuschungen und das Scheitern ihrer groß angelegten Lebensträume hinnehmen.
Labels: Ablaßhandel, Erzbischof Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Glockengießer, Halle/Saale, Heinrich von Schwichell, Herzog Albrecht von Preussen, Luther, Magdeburg, Mainz, Reformation
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