Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Sonntag, 20. Juni 2010

Die Kirche in Powunden


>> Wie der Königsberger Internetdienst "klops.ru" heute [www.klops.ru am 16.02.2010] meldet, stehen in der Sankt-Barbara-Kirche von Powunden (russ. Chrabrowo) im Samland einzigartige Fresken, die unter anderem den heiligen Paulus zeigen, kurz vor der Vernichtung durch Regen, Schnee und Wind. "Wenn nicht dringend Maßnahmen ergriffen werden, um das Meisterwerk zu bewahren, könnte das Fresko noch in diesem Jahr weggespült werden", erläuterte der Historiker und Ethnograph Sergej Trifonow dem Internetdienst. Die Fresken befinden sich an der Innenwand der 1325 erstmals erwähnten Pfarrkirche. Sie entstanden um 1370/80, als Powunden Burgsitz der samländischen Bischöfe war und wurden 1924 freigelegt. Den 2. Weltkrieg überstand die Kirche unversehrt, wurde danach als Klub genutzt und brannte schließlich aus. Nach Nutzung als Steinbruch für russische Wohnhäuser steht sie heute nur noch als Ruine da. Trifonow habe das Problem der Fresken bereits mit Wjatscheslaw Mosgow, einem führenden Restaurator der Staatlichen Eremitage, besprochen, der Empfehlungen für die Restaurierung gegeben habe. Zudem habe er mit Gouverneur Georgij Boos gesprochen. Dieser soll entsprechendeAnweisungen an das Ministerium für Kultur und den Denkmalschutz gegeben haben. Welche das sind, wurde allerdings nicht angegeben. <<

In der Kirche Powunden wurden viele Generationen meiner Vorfahren getauft, verheiratet und auf dem Kirchhof beerdigt. Ende Juli 2009 habe ich auf meinen Fahrradtouren durch das Samland auch nach dieser Kirche gesucht und mich durch Brennesseln und Brombeerranken gekämpft. Ich habe nichts von alten Fresken gewußt. Die Turmspitze und das Dach fehlen, der frühere Innenraum ist wild durchwühlt, Krater neben Krater. Das wild wuchernde Grün verdeckt vieles. Ich muß beim Herumklettern vorsichtig sein. Die Ruine beeindruckt immer noch, ein überwältigendes Zeugnis mittelalterlicher Baukunst. Mich hat das Fresko an der Innenwand des Turms völlig überrascht. Begeistert fotografiere ich so viel ich kann im Restlicht des zur Neige gehenden Sommertages.

Reisende aus den 90er Jahren berichteten, sie haben auf dem Kirchhof in Powunden geplünderte Gräber gesehen. Die offenen Gruben, herumliegende Knochen auf Erdhaufen um die Kirchenruine herum schockierten offenbar nur deutsche Touristen... Solch ein Anblick blieb mir, zumindest an dieser Stelle, erspart. Die Gräber meiner Vorfahren konnte ich in dem unzugänglichen Dschungel um die Kirche herum nicht orten, obwohl die Lagebeschreibung meiner Mutter recht prägnant war.

Das mittelalterliche Fresko ist in einem bedauernswerten Zustand. Dennoch bin ich begeistert gewesen, es gefunden zu haben. Meine Mutter kann sich nicht erinnern, daß diese Malerei zu Vorkriegszeiten sichtbar bzw. bekannt gewesen sei. Sie hat 1945 die bewußt inszenierte Umwidmung der Kirche in einen verrufenen Soldatenclub erlebt, mit dem die Zerstörung des gesamten Kircheninventars einherging. Man wollte damit wohl auch die noch zahlreich verbliebene deutsche Bevölkerung demoralisieren, die man überwiegend bis zum Herbst 1948 für Zwangsarbeit dort behielt. Jegliche Form von Gläubigkeit und Religion war streng verboten.

Ich hege keine Hoffnung, daß von russischer Seite eine wirksame Rettung der verbliebenen Fresken unternommen werden kann. Powunden ist kein Einzelfall. Die Samländischen Kirchen gehören zu den ältesten im Preußenland und so verwundert es nicht, auch in anderen Sakralbauten ähnlich beeindruckende Reste mittelalterlicher Malereien zu finden.

Ich fürchte, daß sich die wenigen, die an solchen historischen Schätzen Interesse zeigen, nicht gegen die Übermacht aus Ignoranz und Gleichgültigkeit werden durchsetzten können. Selbst wenn Kirchenruinen hochoffiziell unter Denkmalschutz gestellt werden (wie z.B. in Pobethen schon seit Jahren), selbst wenn russische Schilder auf das schützenswerte Kulturgut hinweisen, so wird doch der Wandalismus fortgesetzt, die Schilder abgerissen, fleißig Grabräuberei betrieben und weiter Ziegel geklaut. Bisher schien das niemanden zu stören.






Powunden heißt heute CHRABROWO. Es liegt ca. 20 km nördlich von Kaliningrad. Etwas östlich des historischen Ortskerns beginnt das Gelände des einzigen Flughafens des Kaliningrader Oblast. Vor wenigen Jahren noch als Drehkreuz des Ostens projektiert, ist davon überhaupt nichts zu bemerken. Die regionale Airline KD-AVIA ist pleite. Ich sehe im Juli 2009 nur gelegentlich einige wenige alte Propellerflugzeuge im Landeanflug.
















Ergänzung: Im April 2012 habe ich die Kirchenruine erneut besichtigt. Es gibt ein kleines etwa 20 Zentimeter vorstehendes, improvisiertes Schutzdach über dem mittelalterlichen Paulus. Der Schuttberg im Turmportal ist verschwunden. Um die Kirche herum wurde das schon fast zu einem Wäldchen hochgewachsene Gebüsch mit schweren Baggern plattgemacht und ein Eingangsportal an der Südseite des Kirchenschiffs abgerissen. Die dicken Mauerbruchstücke lagen auf der neu geschaffenen Freifläche südlich der Kirche herum. Ob die Zerstörung des Eingangsvorbaus beabsichtigt war oder nur aus Versehen geschah, weiß ich nicht.

Labels: ,

3 Kommentare:

Anonymous Anonym meinte...

Wer kann helfen.
Ich suche Fotos von früher und heute von Powunden.
Meine mutter hat dort bis zum 6. Lebensjahr im haus Nr.75 mit ihrer familie gelebt dann mußten sie flüchten.
Vielen dank im vorraus

22. Mai 2011 um 10:13  
Blogger Viktor meinte...

Leider sind in meiner Familie fast keine Fotos aus alter Zeit überliefert. Insbesondere in der Zeit von 1945 bis Herbst 1948, als die Familie meiner Mutter nach Jahren der Zwangsarbeit endlich in den Westen "entlassen" wurde, ging das Meiste verloren.

Daher kann ich aus eigenem Bestand nichts beisteuern. Wenn aber ein anderer Leser Fotos beitragen kann, würde auch ich mich sehr freuen.

Aus neuer Zeit habe ich nur die Kirche fotografiert. Bei meiner nächsten Reise könnte ich vom Rest des Ortes mehr aufnehmen...

Wenn Sie mir Ihre eMail-Adresse mitteilen wollen, kann ich die eventuell eingehenden Fotos an Sie weiterleiten. Schreiben Sie mir bitte an ViktorHaupt@aol.com .

Grüße aus Berlin
Viktor Haupt

22. Mai 2011 um 11:56  
Anonymous Anonym meinte...

Hallo,

mein Name ist Bernhard. Ich lebe seit fast 20 Jahren in Königsberg. Immer wieder mache ich Touren durch das Gebiet und komme auch desöfteren
mal nach Powunden. Natürlich sind die Häusernummern von früher nicht identisch mit den heutigen, falls das Haus noch steht wäre natürlich ein Ortsplan von Hilfe.
sont@gazinter.net

30. Juni 2011 um 17:15  

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite