Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Ein Dorfkrug am Kurischen Haff















Dieses Gasthaus stand in dem kleinen Fischerdorf Stombeck am Kurischen Haff, etwa 30 km nord-östlich von Königsberg. Auf dem Gasthausschild über dem Eingang ist noch mein Urgroßvater Albert SCHWEICHLER als Inhaber genannt. Mein Großvater Kurt Schweichler steht in der Mitte zwischen den bei schönem Wetter oder vielleicht auch nur für diese Aufnahme nach draußen gestellten Gasttischen (meine Mutter erinnert sich an die Personen auf der Postkarte - von links nach rechts: 1. Helmut Bojahr, 2. Erwin(?) Bojahr, 3. Gerhard Bojahr, 4. Herbert Perkuhn, 5. Kurt Schweichler, 6. Ludwig Perkuhn, 7. Walter(?) Burgemeister, 8. Fritz Scheffler, 9. Fritz Baltrusch, 10. Alex Bojahr). Das Haff liegt hier direkt hinter dem auf diesem Bild nicht sichtbaren Hausgiebel, dem Nordgiebel, und den im Hintergrund, am äußerst rechten Bildrand sichtbaren Bäumen. 1930 haben meine Großeltern Kurt + Charlotte Schweichler den Krug (so sagte man üblicherweise in Ostpreußen zu einem Gasthaus) von meinen Urgroßeltern übernommen und bis Anfang 1945 geführt. Der Krug war gleichzeitig auch ein kleiner Dorfladen und außerdem gehörten noch 15 Hektar Landwirtschaft zu dem Familienbetrieb. 1932 wurde dort meine Mutter geboren. Des weiteren lebten noch etwa 9 Familien in Stombeck. Meine Mutter erinnert sich an die Fischer Rakau, Scheffler, Bojahr, Franz Baltrusch und Fritz Baltrusch, Burgemeister, Perkuhn. Es gab 11 Wohnhäuser, davon gehörten 3 meinem Großvater. 2 Häuser hatte er vermietet.























Oben sieht man einen Kartenausschnitt mit dem südwestlichesten Ende des Kurischen Haffs. Oben links im Bild beginnt die Kurische Nehrung, die dann fast 100 km in nord-östlicher Richtung das Kurische Haff von der Ostsee trennt. In der Bildmitte am südlichen Ufer des Haffs gibt es eine kleine hervorspringende Landnase. Dort liegt das Fischerdorf Stombeck. Ein bißchen links/westlich davon liegt eine kleine Insel im Haff, über die später noch berichtet wird.
Nun interessierte mich die Geschichte dieses Kruges in Stombeck. In Preußen war es üblich, daß Krüge mit bestimmten Rechten, manchmal auch Braurechten versehen waren und das dazu gehörige Land zu sogn. cöllmischen Rechten ausgegeben wurde (entspricht unseren heutigen Eigentumsrechten). Darüber gab es meistens ein uraltes Dokument, eine sogn. Verschreibung, welches die genauen Rechte und Pflichten auflistete, die mit der Eigentumsverleihung verbunden waren. Diese Verschreibungen werden häufig in Steuerlisten oder ähnlichem zitiert oder lassen sich oft als kalligrafische Meisterwerke in sonstigen Archivakten finden.

Ich wußte aus Kirchenbuchrecherchen, daß ein Ernst SCHWEICHLER 1791 in die Krüger/Bauern-Familie Gelaick/Gerleik in Stombeck/Willkeim eingeheiratet hatte. Willkeim ist das nächste etwas landeinwärts gelegene Bauerndorf neben dem Fischerdorf Stombeck. - Die SCHWEICHLERs waren über ihre früheren Besitzungen recht leicht zurückzuverfolgen. 2 Generationen vor jenem Ernst SCHWEICHLER lande ich schon in dem "Nest" aller ostpreußischen SCHWEICHLERs, in Kalkeim (siehe Beiträge über Kalkeim oder Glockengießer Heinrich von SCHWICHEL).- In Stombeck und Willkeim sieht die Quellenlage nicht so gut aus. Das Kirchenbuch der zuständigen Kirche in Powunden reicht nur bis 1739 zurück. Mit etwas Mühe lassen sich dort schwer zu lesende Einträge finden, die 2 Generationen älterer Krüger in Stombeck benennen (Gelaik und Gribb). Dann scheint es nichts mehr weiter zu geben. Seit wann gibt es dort einen Krug?

Über die Kruggeschichte muß es doch im Staatsarchiv noch mehr geben, dachte ich zuversichtlich. Immer mal wieder durchsuchte ich im Archiv entsprechende Findbücher für diese Region. Nichts. Nicht mal etwas für die Nachbardörfer schien vorhanden. Gar nichts. Gut dachte ich, dann muß ich in die sogn. Praestationstabellen, die Steuerlisten schauen. Die beginnen aber auch erst 1737 im Amt Schaaken, die nächste folgt 1756 und erschließen/bestätigen mir mehr oder weniger bereits bekannte Fakten aus den Kirchenbüchern. Aber ein bißchen mehr habe ich doch erfahren können:

In Stombeck gab es früher keinen Krug, sondern nur ein Schankhaus. Dort durfte nur Bier und Branntwein aus einer einzigen Quelle verkauft werden, nämlich aus dem königlichen Domainenamt Schaaken. Der Staat verdiente in erster Linie daran, wenn sich die Fischer bei Schnaps und Bier im Stombecker Schankhaus trafen. Und den Fischern war es egal, ob Schankhaus oder Krug, Hauptsache es gab zu trinken. Nur für den Besitzer machte es einen Unterschied, ob er einen Krug zu cöllmischen Rechten, also wirklich als freies Eigentum besaß, oder ein (gepachtetes) Schankhaus mit der Auflage, die Getränke nur beim Amt abzunehmen. Wie auch immer, ob Schankhaus oder selbständiger Krug, wo finde ich eine Verschreibung, ein Dokument, aus dem sich ersehen läßt, seit wann es das Lokal gibt und wer die ersten Besitzer waren...?

Hier (siehe nebenstehend) habe ich ein Skizze gefunden, die die Lage von Stombeck zeigt mit den Uferbefestigungen gegen die Haffstürme und den Eisgang aus dem Jahre 1747! Das später von der Familie Schweichler bewohnte Areal ist noch leer: auf der Freifläche links von dem "D" der Beschriftung "Dorf Stombeck" steht auf jeden Fall 100 Jahre später der Krug mit den dazu gehörigen Scheunen für die Landwirtschaft. Wenn es bereits 1747 ein Schankhaus in Stombeck gab, dann muß es eines der in der Skizze eingezeichneten Häuser gewesen sein.

Vielleicht nehme ich erst den Umweg über den benachbarten cöllmischen Krug in Neuvitte, um mehr über das Stombecker Schankhaus herauszufinden. Und überhaupt, in den Steuertabellen wird zunächst nicht zwischen Stombeck und Neuvitte unterschieden. Es wird einfach zu Neuvitte alias Stombeck zusammengefaßt. Was bedeutet das nun wieder? Aber in den Einnahmetabellen des Amtes Schaaken für Bier und Brantwein tauchen bereits 1737 verschiedene Abnehmer auf: "Krug in Neuvitte" und "Schankhaus Stombeck" wird klar benannt. Es gab also schon 1737 ein Schankhaus in Stombeck! Und in Stombeck wurde schon immer viel mehr konsumiert als in Neuvitte! Der Krug in Neuvitte hatte zwar einen bedeutenden Lagevorteil: von dort gingen Fährboote ab übers Haff nach Memel. Die Fuhrleute kamen von Königsberg, fuhren über den Damm bis zum Krug und warteten dort bis zur nächsten Möglichkeit, um nach Memel überzusetzen. Vor der Kruginsel hatte das Haff die nötige Tiefe für die Boote wie in einem natürlichen Hafen (siehe unten).


Auf der nebenstehenden Aufnahme geht der Blick vom Fischerdorf Stombeck in westliche Richtung. Hinter den Booten kann man die flache Insel erahnen. Sie gehörte in der Neuzeit meinem Großvater, der sie als Weideland und für die Heuernte nutzte. Die alten Leute sagten im Dorf zwar noch "He fahrt nach de ohle Kroch-Insel", wenn jemand zur Insel rübersegelte. Gebäude oder einen Damm gab es dort aber schon lange nicht mehr. Als Badeplatz war die Insel beliebt, denn man hatte von dort aus einen viel bequemeren Zugang ins tiefere Wasser und schön sandig war es auch. Mein Großvater sah es nur nicht so gerne, wenn man ihm die Wiesen vorm Mähen platttrampelte. Direkt vor Stombeck war das Haffwasser sehr flach und der Grund etwas schlickig. Da mußte man schon ziemlich weit ins Wasser hineinlaufen, um genug "Tiefgang" zum Schwimmen zu bekommen.

Wo ist nun der früher mal wesentlich bedeutendere Krug Neufitte geblieben, dessen Land mein Großvater nur noch als Heuwiese nutzte? Trotz der guten Lage an der Ablegestelle für die Fuhrleute nach Memel gab es vor allem im Herbst und Winter große Probleme: Wenn durch heftige Nordost-Winde das Haffwasser in den westlichsten Winkel des Haffs gedrückt wurde, stand der Krug manchmal einen Meter unter Wasser. Schlimm war auch das Frühjahr, wenn das Eis aufbrach und gegen die Gebäude gedrückt wurde. Die Naturgewalten setzten dem Krug sehr oft so zu, daß dort kein Schankbetrieb weitergeführt werden konnte, daß Land weggespült und der Fahrdamm unpassierbar war.














In dieser oben aufgeschlagenen Akte befindet sich ein Bericht des zuständigen Amtmanns in Schaaken vom Dez. 1747 über Flutschäden am Krug in Neuvitte: >> Ewr. Königlichen Majestaet Hochverordneten Krieges- und Domainen-Cammer muß ich in unterthänigkeit anzeigen, daß in der Nacht zwischen den 15.ten und 16.ten dieses [Monats] der höchst penetrante Nord Östliche Sturm und das von demselben aufgeschwollene Haff Waßer bey einem Haar den im Haff liegenden NeuVittschen Ambts Krug nebst den dabey befindlichen Thämmen gäntzlich weggenommen hätte, indeßen ist doch erfolget, daß eine gantze Wand in der großen Stube, zwey Wänd von der kleinen Stube, die Wand an der Bier-Cammer, eine Wand vom Vorhauß weggerissen sind, theils Ständer aber, und darunter auch eichene in den Zapfen in stücken gebrochen, den Kachel Ofen in der kleinen Stube umbgeworfen, das Holtz Werck und insonderheit das Füll-Holtz gäntzlich weggetrieben mithin viel Schaden am bemelten Kruge causirt worden, der Thamm umb den Krug aber, weilen das Waßer und die Wellen übergegangen, sey nicht außgerißen, sondern hätte sich nur gesenket.
Und wie das Waßer schon halb Mann tief im Hause und in der Stube gewesen, und der Krüger mit den seinigen in der größten Noth sich befunden, sintemahlen selbige sich nirgends retiriren können; So hat der große Gott geschicket, daß ein Reise Both, welches nahe bey mit dem Anker befestiget war, durch den Sturm hat aufs Land dicht an den Krug doch ohne Schaden getrieben werden müßen, worinnen sie ihre Kinder, Viehe und waß sie von ihren Sachen in der Eyl gerettet, haben herein bringen auch selber ihre retirade nehmen können, bis der Sturm sich geleget, und durch einen Süd Westen Wind das Waßer wieder gefallen.
Wann demnach in bemeltem Kruge, biß er wiederumb zum Stande gebracht worden, weder der Krüger wohnen, noch Feur darinnen machen oder Reisende einkehren können, mithin die gantze Kruges-Nahrung darunter leiden würde; Als ersuche Erw. Königlichen Majestaet Hochverordnete Krieges- und Domainen-Cammer ich allergehorsahmst, die Gnade zu haben und den ruinirten Krug aufs fordersahmste untersuchen und den Überschlag von den erforderten Kosten und Holtz fertigen zu laßen, auch so bald möglich das Holtz und die Gelder darzu gnädigst zu assigniren, damit der Bau aufs schleunigste befördert werden möge. <<

Nun, es dauerte seine Zeit, bis Baumaterialien und Reparaturkosten bewilligt wurden. Während dessen lief der Schankbetrieb in Stombeck um so besser. Dieser Bericht blieb kein Einzelfall. Fast jeden Herbst, Winter und Frühjahr kam es zu teils erheblichen Schäden. Zum Ende des 18. Jh. kommt das Kruggeschäft in Neuvitte gänzlich zum erliegen, weil es der Regierung zu teuer wird, den Damm, die Küstenschutzanlagen und das Gebäude zu unterhalten. Der Krüger von Neuvitt, Christoph Link, hat sich bereits beizeiten in Stombeck angesiedelt, betreibt aber nur noch Fischerei in Stombeck und Landwirtschaft auf seinen zum Neuvitter Krug gehörigen Ländereien. Außerdem klagt er gegen den Preußischen Staat wegen Vernachlässigung der Unterhaltspflicht von Damm und Gebäuden. Er will den unrentablen Betrieb gern verkaufen. Der Preußische Staat bietet ihm aber zu wenig an als Kaufpreis.

















Hier ist von links nach rechts mein Urgroßvater Albert Schweichler, meine Großmutter Charlotte Schweichler (geb. Seddig), ein Gast mit Kind und mein Großvater Kurt Schweichler zu sehen. Rechts hinter dem Zaun liegt der Eingang zur Krugstube. Die Aufnahme entstand wahrscheinlich in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts.


* * * * * * *

Über die weiteren Ergebnisse meiner noch laufenden Recherchen im Staatsarchiv Berlin zu den Ursprüngen des Krugs in Stombeck werde ich in Fortsetzungen berichten. Es gibt aktuell überraschende Funde über Stombeck und Willkeim in den Amtsrechnungen des Amtes Neuhausen, die noch mehr derartige Informationen unter "Neuhausen" eingeordnet vermuten lassen. Die Dörfer Willkeim, Schmiedehnen, Correynen und Neuvitte/Stombeck waren bis 1695 an einen Amtsrath von Eppingen verpfändet. Daher findet man relativ wenig Akten über diese Dörfer aus jener frühen Zeit in den üblichen Archivabteilungen. Irritierend ist auch der Bezug nach Neuhausen, den man selbst bei guter Kenntnis der Region zunächst nicht vermuten würde. In Neuhausen lag ein Jagdschloss der Preußischen Herzöge und einige Herzoginnen hatte darin ihre Residenz. Die Einkünfte des Amtes finanzierten früher den Unterhalt der Herzoginnen von Preußen.

Siehe auch die folgenden Beiträge über das Dorf Stombeck:
http://genealogischenotizen.blogspot.de/2008/10/ein-dorfkrug-am-kurischen-haff.html
http://genealogischenotizen.blogspot.de/2009/06/der-ursprung-von-neufitte-stombeck-am.html
http://genealogischenotizen.blogspot.de/2011/11/erinnerungen-den-dorfkrug-in-stombeck.html

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