Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Der Glöckner von Schippenbeil




Im August habe ich wieder einmal das Städtchen Schippenbeil/Sępopol im nördlichen Polen besucht. Etwa 10 Kilometer östlich von Bartenstein/Bartoszyce gelegen und etwa 12 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, interessieren sich kaum Touristen für diesen Ort. Der alte Stadtkern wurde 1945 fast zu 90% zerstört. Nur noch wenige alte Häuser und die Kirche stehen neben Resten der alten Stadtmauer etwas verloren in einer eng gewundenen Kurve des Flusses Alle/Łyna - in alten Zeiten ein strategisch günstiger Siedlungsplatz.

In früheren Jahrhunderten lag Schippenbeil an der Chaussee von Königsberg nach Warschau. Der Reise- und Frachtverkehr ging durch die Stadt, die Krüge und Rasthäuser waren gut besucht. Das Schippenbeiler Bier galt als besonders wohlschmeckend. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus selbständigen Handwerksmeistern: Tuchmacher, Schneider, Schuhmacher, Böttcher, Töpfer, Bäcker – alles was man so brauchte. Es gab Kaufleute, Apotheker, Händler, Krüger, Müller. Man wählte die Rathsverwandten (Ratsherren), die Richter und Schöppen und den Bürgermeister aus der Bevölkerung. Die Einwohnerzahl lag über die Jahrhunderte in etwa bei 2.000 Personen – mal mehr, mal weniger, je nach den Umständen der Zeit.

Meine namensgebenden Vorfahren, die väterliche Linie HAUPT, kann ich seit 1662 in der Stadt Schippenbeil nachweisen. Die Kirchenbücher liegen seit 1654 vor. Tuchmachermeister waren die ersten Generationen, dann Schneider, Tischler und schließlich seit den 1860er Jahren Landwirte vor der Stadt, sogenannte Abbaubesitzer. Mein Urgroßvater Wilhelm August HAUPT (1860-1929) bewirtschaftete einen Hof von etwas über 50 Hektar. Neben ihrem Beruf hatten die HAUPTs immer auch verschiedene Ämter in der Stadtverwaltung oder der Kirche inne. Andreas HAUPT (1668-1736), mein 7-Urgroßvater, wurde 1711 als Ältermann des Tuchmachergewerks zum Gerichtsverwandten gewählt. Sein Sohn Johann HAUPT (1694-1771), ebenfalls Tuchmachermeister, versah seit etwa 1729 das Glöckneramt bei der Kirche. Bei meinen Recherchen in Schippenbeilschen Kirchenbüchern stieß ich im Jahre 1771 auf einen erschütternden Sterbeeintrag:
Herr Johann Haupt, Glöckner bey der hiesigen Kirche, auch Bürger u. Tuchmacher allhie, ein Wittwer, ist d. 19. Juli media nocte gestorben und d. 22. ejusdem mit ner Leichenpredigt beerdiget worden, seines Alters 77 Jahr 5 Monath 23 Tage u. im 42. Jahr seines Glöckneramts. Er fiel vor 3 Wochen eb. d. 26. Juni vom Thurm, u. wurde an Händen u. Beinen zerstümmelt. Qui escat in pace.
Vor allem deswegen wollte ich unbedingt einmal den Kirchturm in Schippenbeil besteigen, wollte meinem 6-Urgroßvater nachspüren, vorsichtig die gleichen Stiegen, Treppen und Leitern begehen. Nach meinem Empfinden ist er möglicherweise im Turm von den Leitern gefallen, vielleicht war ihm schwindelig, vielleicht hatte er eine Herzattacke oder etwas ähnliches. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich oben vom Turm gestürzt hat. Das hätte wohl niemand 3 Wochen überlebt.
Als Wohnadresse wird 1771 angegeben: bei der Kirche. Möglicherweise hat die Familie in jenem heute noch stehenden Gebäude gelebt, dass hinter der Kirche direkt in die Stadtmauer eingebaut ist. Die Glöckner lebten immer „bei der Kirche“ oder „an der Kirchenstraße“, „am Kirchhof“. Vielleicht war das Haus die Dienstwohnung der Glöckner. Aus alten Staatsarchivakten erfahre ich, dass der Glöckner HAUPT ein Honorar von einigen Thalern im Jahr empfing. In den Kirchenbüchern wird bei den Sterbeeinträgen genau ausgewiesen, wieviel Geld eingenommen wurde für Extrageläut (ein Zug Geläut, 2 oder 3 Züge Geläut). Vielleicht bekam der Glöckner davon etwas ab. Die Akten der Kirchenrechnungen liegen nicht in Berlin, sondern im Archiv Allenstein/Osztyn. Da gäbe es vielleicht noch mehr zu entdecken.

1771 ergeht dann eine Ordre der königlichen Regierung, dass der Sohn des Johann HAUPT, Andreas HAUPT (1734 - 1807), das Glöckner-Amt übernehmen soll. Folgende Schreiben fand ich im Staatsarchiv Berlin-Dahlem:
Angerburg, den 4t Septbr: 1771
Allerdurchlauchtigster Großmächtiger König
Allergnädigster König und Herr!
Das Justiz Collegium bittet allerunterthänigst den Andreas Haupt zum Glöckner bey der Schippenbeilschen Kirche zu bestätigen.


Da nach dem Bericht der Kirchenbedienten zu Schippenbeil der dortige Glöckner Johann Haupt verstorben, und gedachte Kirchenbedienten dessen Sohn Andreas Haupt zu diesem Amte in Vorschlag gebracht haben, so imploriren Erw: Königl: Mäjestaet wir allerunterthänigst gedachten Andreas Haupt hirzu bestätigen zu lassen.


Die wir in tiefster Ehrfurcht ersterben.

Ehrw. Königlichen Majestaet
allerunterthänigste und gehorsamste Dienern
Schon am 7. September 1771 kommt aus Königsberg diese kurze, preußisch knappe Antwort:
Wir bewilligen auf eure allerunterthänigste Vorstellung vom 4t hujus hiermit gnädigst, dass der in Schippenbeil, durch des Johann Haupt Absterben, erledigte Glöckner-Dienst mit desselben Sohn Andreas Haupt hinwiederum besetzet werde, und habt ihr also das weiter nöthige darunter, wie gewöhnlich, zu veranlassen.

So hat dann mein 5-Urgroßvater , der Schneidermeister Andreas HAUPT das Glöckner-Amt 1771 gemäß allerhöchster Bestätigung übernommen und sicherlich noch einige Jahrzehnte fortgeführt. Die Schippenbeilschen Glocken wurden 77 Jahre von meinen HAUPT-Vorfahren geläutet.

Bemerkenswert ist, dass 1521 mein Urahn Heinrich von Schwichel Glocken in Schippenbeil gegossen hat. In den vorausgegangenen Jahren, während des Krieges mit Polen, wurde eine große schadhafte Glocke in Schippenbeil für Geschütze eingeschmolzen. Nach Beendigung der Auseinandersetzungen mußte sie neu gegossen werden. Zitat aus „Die Stadt Schippenbeil mit Berücksichtigung des Kirchspiels und der Umgegend“, Königsberg 1874, Seite 236:

>> Der Glockenstuhl, 1668 neu gebaut, wird von vier Balkenlagen gebildet. Das Holz soll aus dem Eichwalde des Schloßberges Dojaunen genommen sein. Die älteste Glocke wurde im Jahre 1521 auf den Thurm gebracht. Ihr Durchmesser betrug unten 2½ , der Umfang 7½ Berliner Ellen. Der Größe wegen wurde sie nicht gezogen, sondern nur mit dem Hammer angeschlagen. Die Inschrift lautete: ICK BIN SO VRI ALS DEN WINT * DE MI EGHENT DAT IS VAN AERDEN EN HORKINT * HENRICK VAN SWICHELT GOS MICH. MCCCCCXXI . Im selben Jahre ist noch eine mittlere Glocke gegossen worden, die aber bald einen Riß erhielt und dann umgegossen werden mußte. Die dritte Glocke wurde 1708 gegossen. Durchmesser 1½, Umfang 5 Berliner Ellen. Inschrift: „Was du thust, so bedenke das Ende, so wirst du nimmermehr übels thun. Durchs Feuer bin ich geflossen, es hat mich Johann Jacob Dornmann gegossen. Königsberg 1708“. Auch diese Glocke ist geborsten und im Jahre 1857 ungegossen worden.

Gegenwärtig [1874] sind folgende Glocken:
1. Die größte und zugleich älteste Glocke vom Jahre 1732 für die von 1521, welche einen Riß erhalten. Inschriften: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehest und komme, dass du hörest. Eccl. IV.17 M. Joannes Georgius Segers, Pastor; Samuel Hart, Diaconus; Herr Ernst Sigismund von Schlieben, Reichsgraf und jetziger Amtshauptmann auf Rastenburg; H. Joh. Simon Krantz, Consul; H. Samuel Czierniewski, Viceconsul; H. Gottfried Stendel, Judex; H. Andreas Ewiger, Kirchenvorsteher; H. Johann Rautenberg. Me fudit Georgius Bernhardus Kinder, Regiomonti 1732“ - Durchmesser 2½, Umfang 6½ Berliner Ellen.

2. Die kleine Glocke von 1800. Inschriften: „Ich rufe zum Gottesdienste, melde manchen Todesfall, und die Begräbnisse beehrt mein lauter Schall. Zu Zeit des Pfarrers Segers, Diaconi Norgarb, Rector Drenckhahn, Cantor Ziegner, Kirchenvorsteher Nitsch und Lessing ist diese Glocke gegossen von Copinus in Rastenburg im Jahre 1800“ - Umfang ungefähr 11´, Durchmesser 3½ ´

3. Die zweitgrößte und neueste Glocke von 1857. Inschriften: „Getrost mich goss für christlich Werk J. Gross aus Königsberg. Geistliche und Kirchenvorsteher: R.Gregorovius, Pfarrer; E. Hinz, Prediger; v. Kobylinski auf Wöterkeim; F. Marquardt, Bürgermeister; C. Kosack, Stadtverordneter; L. Laser, Kirchenrendant; F. Czygan, Rector; C. Lehwaldt, Cantor; Gemeinde-Aelteste: C. Holstein, H. Ewert, F. Schulz, F. Thude aus der Stadt. E. Riebensahm , Landscron; C. Grap, Langendorf. Ehre sei Gott in der Höhe, Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Anno 1857“

4. Eine kleine Glocke zur Uhr von 1735. Inschrift: „Soli Deo Gloria. Me fudit Georgius Bernhardus Kinder. Reg. 1735“ - Durchmesser 5/8, Umfang ungefähr 2 Berliner Ellen.<<
Einzig die oben unter Nr. 1 genannte Glocke hängt heute noch im Schippenbeiler Kirchturm. Anmerkung: eine Berliner Elle = 66,6 cm. Alle anderen Glocken wurden in Kriegszeiten abgehängt und für Rüstungszwecke verwertet. Die Leerstellen wurden nach dem Krieg durch zwei neue Glocken besetzt. Die große Glocke Nr. 1 wußte man in den 1940er Jahren nicht ohne bleibende Schäden an der Bausubstanz aus dem Turm zu bekommen. Nur aus diesem Grunde hängt sie noch an ihrem alten Platz. Darin erklingt das umgeschmolzene Glockenmetall von 1521 aus Meister Heinrich´s Händen.
Dass meine väterlichen Vorfahren schon vor Jahrhunderten Glocken läuteten, die der namensgebende väterliche Urahn meiner Mutter geschaffen hatte, empfinde ich als erstaunliche historisch-genealogische Besonderheit. Wenn ich zu dieser Stadt keinen genealogischen Bezug gehabt und mich nicht ausgiebig mit der Stadtgeschichte beschäftigt hätte, würde ich niemals von dieser Glocke erfahren haben. Denn Gießer Heinrich´s Lebensmittelpunkt und der seiner Nachkommen lag ausschließlich im Samland.

Die Turmbesteigung gestaltete sich anfänglich mit Hindernissen. Der Pfarrer war neu im Amt und sehr in Eile, weil er noch in einer Nachbargemeinde eine Messe zu halten hatte. Erst wollte er den Schlüssel nicht herausgeben. Aber dann ließ er sich doch überreden. Wir bekamen ein riesiges Schlüsselbund mit schweren großen uralten Schlüsseln daran, das wir nach der Turmbesteigung an den Organisten zurückgeben sollten, der noch in der Kirche an der Orgel probte.













Nach unserer Turmkletterei bekamen wir vom Organisten eine kleines Privatkonzert mit Orgelerläuterung (1859 von der Firma Buchholz in Berlin gebaut). Wir sprachen noch lang mit dem interessierten Organisten über die Kirchen- und Stadtgeschichte. Als wir das Gotteshaus verließen, war es schon dunkel. Unter einem klaren ostpreußischen Sternenhimmel fuhren wir in Richtung Rastenburg in unser Quartier.

An einem der folgenden Tage kehrten wir zurück, um den alten Friedhof zu besichtigen: wie uns schon berichtet wurde, eine traurige Angelegenheit. Alle deutschen Gräber wurden nach 1945 so zerstört, dass man fast keine Namen mehr erkennen kann. Nur noch ganz vereinzelt hat man in neuerer Zeit alte Fragmente finden und teilweise etwas rekonstruieren können. Hier eine Fotoserie vom ehemaligen Heiligen-Geist-Kirchhof in Schippenbeil, an der Ausfahrt in Richtung Langendorf gelegen:




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Montag, 21. Oktober 2013

Besuch bei einer alten Glocke


In diesem Sommer haben wir es endlich mal wieder geschafft, zehn Tage durch das nördliche Polen zu reisen. Nach einigen Tagen Badeurlaub am schönsten Strand Pommerns (im Bereich des Słowinski Park Narodowy nördlich von Stolp/Słupsk) fuhren wir weiter Richtung Nord-Osten. Zwischen Heilige Linde/Swięnta Lipka und Rastenburg/Kętrzyn fanden wir eine idyllische Unterkunft.

Von hier aus wollten wir nun jeden Tag interessante Ziele ansteuern: z.B. erneut das Städtchen Schippenbeil/Sępopol, wo viele Generationen „meiner“ HAUPTs gelebt hatten, die Dörfer Kröligkeim/Krelikieimy und Löwenstein /Lwowiec als ehemalige Wohnorte anderer Vorfahrenlinien und als kulturelle Höhepunkte die Kirchen, Schlösser und Ordensburgen der Region. Der Kirchturm in Schippenbeil mußte unbedingt endlich erstiegen werden, wo doch mein Ururururururgroßvater Johann HAUPT und dessen Sohn Andreas dort nebenberuflich von 1730 bis gegen 1790 Glöcknerdienste versahen. Auf den Geschmack gekommen und auch durch die durchweg sehr entgegenkommenden Pfarrer ermuntert, erstiegen wir dann fast jeden weiteren Kirchturm, der sich uns anbot. Grandiose Aussichten und abenteuerlich ausgetretene Stiegen, geheimnisvolle Winkel und Gänge, rätselhafte Zimmermannszeichen an den uralten, wuchtigen Balken belohnten die Mühen.

Unverhoffte Begegnungen im Umfeld mancher Schlösser mit den Schlüsselbewahrern des Anwesens ermöglichten uns Einblicke in bedeutende Architekturdenkmäler. Döhnhoffstädt  steht trotz seiner melancholischen Verlassenheit und bröckelnden Pracht immer noch berückend schön in der Landschaft und sieht wohl einer glänzenden Zukunft als Luxusherberge entgegen. Dahingegen ist die Geschichte von Prassen/Prosna unfassbar traurig: bis Anfang der 1990er Jahre stand das stolze Schloss noch voll funktionsfähig in der Nutzung einer PGR (entspricht der LPG in der DDR). Doch dann bedienten sich die vor der Arbeitslosigkeit stehenden Funktionäre an der Bausubstanz. Gezielt stattete man sich aus: zunächst mit Dachpfannen, dann sägte man an den Balken und baute Ziegel ab und letzlich nahm man alles, was nicht niet- und nagelfest war. Nun sieht das einstmals im Stil eines großzügigen englischen Landhauses im 19. Jh. errichtete Schloss aus wie eine pittoreske Ruine, die scheinbar vor vielen Jahrhunderten zwischen die Schusslinien kriegerischer Auseinandersetzungen geraten war. Die bittere Geschichte erzählte uns ein alter Mann, der zufällig die Schlüssel zu dem mittlerweile eingezäunten Gelände hatte. Auch hier soll es Pläne zu einer Rekonstruktion geben, was uns wenig realistisch erschien.

Aber das bedeutendste Ziel unserer Reise befand sich in dem kleinen unscheinbaren Dorf Marienthal/Kosakowo bei Drengfurth/Srokowo, knapp 12 Kilometer vor der Grenze zum russischen Oblast. Vor einigen Jahren, als ich noch an den Recherchen zu meinem Urahn, dem Glocken- und Geschützgießer Heinrich von Schwichelt arbeitete, erhielt ich überraschend eine Nachricht aus Polen, dass am ursprünglichen Ort tatsächlich noch eine kleine Glocke von Heinrich hängt.

Heinrich von Schwichelt lebte etwa von 1480 bis 1548, kam auf Empfehlung des livländischen Landmeisters Wolter von Plettenberg im Herbst 1514 von dort nach Preußen und wurde vom Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach 1515 in Dienst auf Lebenszeit genommen, weil er sich als geschickter Gießer bewährt hatte. Bis in die 1520er Jahre hat er laufend Glocken gegossen und sicherlich auch reichlich Geschütze hergestellt für Auseinandersetzungen des Hochmeisters mit dessen Onkel, den König von Polen in den Jahren 1519-21. 1518 war Heinrich in Marienthal tätig und schuf für die kleine Kapelle wohl eine seiner unbedeutendsten Glocken (ca. 46 cm Durchmesser, 36 cm hoch, mit „Krone“ -zum Aufhängen- 47 cm hoch). Nach Lage der Dinge ist das die einzige seiner Glocken, die bis heute die Wechselfälle der Geschichte überstanden hat. Die Rechercheergebnisse über das Leben dieses unbekannten Gießers habe ich nach den aufgefundenen Quellen ausführlich dargestellt in einem Aufsatz, der 2011 in der Schriftenreihe „Altpreußischen Geschlechterkunde“ (APG) des Vereins für Familienforschung in Ost- u. Westpreußen (VFFOW) veröffentlicht wurde. Siehe http://www.vffow-buchverkauf.de/schriftenverzeichnis/artikel.php?id=apgnf41 oder http://www.genealogischenotizen.blogspot.de/2010/12/glockengieer-heinrich-von-schwichel-ca.html

Nach der mühsamen, langwierigen Recherche in vielen staubigen, alten, schwer lesbaren Dokumenten lockt nun ein von Heinrich selbst geschaffenes hörbares Relikt aus alter Zeit. Da könnte der Klang einer fast 500 Jahre alten Glocke eine akustische Brücke bilden über die Jahrhunderte hinweg zu einem trotz aller Recherchen doch immer noch recht rätselhaften Urahn. Ein Gedanke, der mich schon lange fasziniert.


Am Sonntag, den 11. August 2013, näherten wir uns von Barten/Barciany kommend in Richtung Drengfurth/Srokowo fahrend dem Dorf Marienthal/Kosakowo. Es sollte nicht schwer sein, in dem überschaubaren Ort ein Kirchlein mit einem separat stehenden hölzernen Turm zu finden, dachten wir. Aber da zeigt sich schon, ich bin nicht ordentlich vorbereitet. Da ist ein hölzerner Turm zu sehen in einem privaten Garten. Aber nichts deutet auf eine Kirche oder Kapelle. Ist das der richtige Turm? Wir müssen fragen, klingeln bei den Hausbewohnern, in deren Garten wir den seltsamen hölzernen Turm sehen. Wir werden freundlich und entgegenkommend hereingebeten. Man ist überrascht und nach anfänglicher Zurückhaltung begeistert, dass es da tatsächlich lebende Menschen gibt, die einen verwandtschaftlichen Bezug zu dem Meister der Glocke aus dem Jahre 1518 haben. Mirek ist Geschichtslehrer gewesen und bei allen historischen Fragen und Umständen sachkundig und hoch interessiert dabei.

Wir erfahren, dass es schon lange keine Kirche oder Kapelle mehr gibt. Seit einem verheerenden Tatarenüberfall im Jahre 1657, der nicht nur Marienthal in Flammen aufgehen ließ, sondern die gesamte Region schlimm verwüstete und entvölkerte, gibt es keine Kirche/Kapelle mehr in Marienthal. Um die Glocke ranken sich mythische Legenden. Die Gottesmutter Maria höchstselbst soll sie bewahrt haben. Auf wundersame Weise blieb die Glocke verschont. Man überführte sie nach dem Überfall aus dem entvölkerten Marienthal in das Städtchen Drengfurth. Dort gibt es eine alte große Pfarrkirche mit dicken Ziegelmauern aus mittelalterlicher Ordenszeit, der das nur kanpp 5 Kilometer entfernte Dorf Marienthal untergeordnet war. Es gab niemals eine selbständige Gemeinde in Marienthal. Es kann sich in Marienthal nur um eine Art Kapelle, wahrscheinlich zur Anbetung der Gottesmutter Maria, gehandelt haben. 

Aber die wundersamen Geschichten setzten sich fort. Die Glocke soll von Maria wieder an den Ausgangsort nach Marienthal zurückgetragen worden sein. Man erzählt, sie sei auf magische Weise gewandert. So haben die dann doch wieder nach und nach sich ansiedelnden Bewohner für die Glocke einen Turm in Marienthal gebaut, der heute noch steht. Die Glocke, so heißt es, wurde in alter Zeit lange als Totenglocke bei Beerdigungen im Dorf genutzt. Die Gartenbesitzer im Umfeld des Glockenturms berichten, dass immer mal wieder offensichtlich menschliche Knochen beim Umgraben erschienen, die man dann an anderer Stelle wieder respektvoll der Erde überantworte.

ein uralter Taufstein
Ich finde nichts heraus über den Ursprung des signifikanten Ortsnamens, die frühe Geschichte bleibt undeutlich. Warum heißt das Dorf Marienthal? Welches besondere Ereignis führte zu dieser Namenswidmung? Was ist über die religiöse Geschichte der Ortschaft zu erfahren? Fakt ist, Heinrich hat 1518, also noch zu katholischer Zeit, dort einen Gießauftrag erhalten. Die Glocke wurde, wie sollte es anders sein, Sancta Maria gewidmet. So steht es noch heute zu lesen in der Inschrift auf der Bronze. Wie wurde mit solchen heiligen Orten nach der Reformation umgegangen? Gab es einen Bedeutungsverlust? Warum ist die Kirche nie wieder aufgebaut worden? Wahrscheinlich hat das dazu beigetragen, dass man die Glocke in ihrem Turm einfach vergaß und sie zu Kriegszeiten niemals requirierte. Wahrscheinlich ist die Glocke deswegen auch den Russen nicht aufgefallen, die sonst bedenkenlos die Kirchen in Brand setzten, um bequem an die Glockenbronze heranzukommen. Aber meine polnischen Freunde sind überzeugt, da hatte nach wie vor Maria ihre Hände im Spiel.
Wir nähern uns nun dem Turm, finden auf der uns abgewandten Seite eine kleine Tür, schreiten tief gebeugt über die Schwelle und schauen dann neugierig nach oben. Wo ist die Glocke? In dem dämmrigen Licht brauchen wir einige Zeit, um sie oben unter der Turmspitze zu erspähen. Das Innere des Turm besteht aus einer komplexen Holzbalkenfachwerkkonstruktion. Keine Leiter, keine Stiegen, nichts führt hoch zur Glocke. Und das Glockenseil, so berichtet man uns, ist vor über zwanzig Jahren abgerissen. Niemand hat es seit dem fertig gebracht, durch einen kühnen Klettereinsatz ein neues Seil anzubringen. Hoch oben hängt ein vielleicht 30 Zentimer langes, ausgefasertes Seilende am Glockenschwengel. Der Turm ist insgesamt vielleicht um die 10 Meter hoch, mit Turmspitze maximal 12 Meter. Die Glocke hängt auf etwa 8 bis 9 Metern Höhe. Der Turm mißt vielleicht 3 Meter im Quadrat und verjüngt sich leicht zum Turmdach hin. In der Mitte des Turms ragt ein Mittelbalken hinauf bis in die Spitze des Turms und trägt auf dem Dach eine kleine Wetterfahne. Der Mittelbalken ist wiederum in Abständen von circa 2,50 Metern durch Querbalken mit der Konstruktion der äußeren Gefache verbunden, auf der dann die außen sichtbare Bretterverschalung angebracht ist. Dazwischen gibt es etliche diagonal eingefügte Balken. Alles ohne einen einzigen Metallnagel. Holznägel aus Eiche ragen an den zusammengefügten Balkenverbindungen einige Zentimeter heraus.

Nun stellt sich die Frage, wie erreicht man die Glocke. Ein neues Glockenseil liegt schon länger bereit bei unseren Turmhütern. Eine Leiter steht nicht zur Verfügung. Wenn, dann bräuchte man eine kleine zusammensteckbare Leiter, die durch die niedrige Tür paßt und im Inneren dann auf die erforderliche Höhe ausgefahren werden könnte. Ich wage einen Kletterversuch, erreiche noch mühelos die unterste Querebene, finde dann nach langem Sondieren an passenden Stellen Holznägel, die mich mit meinen langen Beinen einmal quer durch den halben Turm gegrätscht auf den nächsten Querbalken hochhangeln lassen. Nun stehe ich mit meinen Einsneunzig auf einem Querbalken, der etwa 5 Meter über dem Boden durch den Turm geführt ist und sehe über meinem Kopf schon sehr nah die Glocke. Aber ich finde nicht genug vertrauenerweckende Vorsprünge oder Holznägel, um auf die folgende Ebene mit der Glocke zu gelangen. Eine beklommene Höhenangst macht sich bei mir breit. Was passiert, wenn ich hier irgendwo abstürze? Bin ich nicht zu leichtsinnig? Wie könnte man die Kletterei sicherer machen? Was für Hilfsmittel könnte man improvisieren? Ich entschließe mich erst einmal, wieder den Rückweg nach unten anzutreten, der mir plötzlich irritierenderweise nicht mehr so klar ist, wie auf dem Weg nach oben. Ich bin kein Alpinist und habe noch nie an Kletterfelsen trainiert. Das wäre hier jetzt sicherlich hilfreich. Aber woher sollte ich das vorher wissen?

Das Innere des Turmbodens ist mit alten Feldsteinen ausgelegt. Da stehe ich nun wieder, zugegeben mit noch leicht zitterigen Knien. Jetzt haben wir endlich diesen Weg bis hierher geschafft und wir kommen nicht an die Glocke heran? Das kann, das darf nicht sein. Mein Partner versucht einen Aufstieg, präpariert mit einer Schnur in der Hosentasche, um erforderliche Dinge nach oben ziehen zu können. Er schafft es unerwarteterweise ganz locker bis zur Glocke. Vielleicht geben die paar Zentimeter, die er länger ist als ich, den Ausschlag. Er sitzt sicher auf einem Querbalken neben der Glocke. Die Schnur wird herunter gelassen, die Camera hochgezogen. Nein, erst einmal braucht man einen alten Lappen, vielleicht etwas angefeuchtet, um die Staub- und Schmutzschichten von der Glocke abzuwischen. Jede Bewegung oben muß gut durchdacht werden. Wie nähert man sich der Glocke, ohne sich zu gefährden? Wo kann man sich festhalten, wo hinüberbeugen? Hier und da sind Balken im Wege, behindern die Sicht oder den Zugriff auf die Glocke. Das Licht ist schlecht. Nur spärlich scheint etwas Helligkeit durch die Ritzen der Außenverkleidung des Turms hindurch.

Es dauert lange, bis die Glocke gesäubert, bis sie von allen Seiten fotografiert ist und schließlich wollen wir die Chance nutzen, von der Glockeninschrift einen sogn. Abklatsch mit Papier und Bleistift zu machen. Mirek stellt uns die benötigten Materialien sofort hilfreich zur Verfügung, die am Bindfaden nach oben gehievt werden. Endlich ist alles getan und dokumentiert. Als Letztes wird das neue Glockenseil angebracht. Mein Partner entdeckt, dass einige Schindeln im Turmdach verschoben sind oder fehlen. Wir finden alte Plastikwasserflaschen, die wir aufschneiden und mit deren Hilfe oben das alte Schindeldach des Turms provisorisch abgedichtet werden kann. Endlich, nach einigen Stunden, kommt mein Partner wohlbehalten, wenn auch etwas erschöpft, wieder nach unten.

Jetzt stehe ich da im Turm, vor mir hängt das Glockenseil herab und alle Beteiligten, Mirek, Basia und mein Partner schauen mich erwartungsvoll an. Ich darf nun Heinrich´s Glocke zum Klingen bringen. Noch niemals habe ich eine Glocke geläutet, von kleinen Kinderdekoglöckchen zu Weihnachten mal abgesehen. Ich fasse beherzt nach dem Seil, denke an meine Vorfahren väterlicherseits, die jahrzehntelang in Schippenbeil geläutet haben und hoffe, dass der Eisenschlägel der alten Bronzeglocke keinen bleibenden Schaden zufügt. Vorsichtig beginne ich zu ziehen, spüre einen Rhythmus, ziehen und nachgeben, ziehen und nachschwingen lassen – der Schlägel schafft es noch nicht an den Glockenrand. Es bleibt noch still. Ich muß von Mal zu Mal etwas tiefer, etwas kräftiger ziehen und da, ein erster heller klarer Ton schwingt in der Luft (klingt auf der Note H). Ich mache mutig weiter, die Glocke erklingt klar, kraftvoll, rein, mit harmonischen Ober- Mittel- und Untertönen. Ich wage es aber noch nicht, voll auszuholen. Bei mir klingt das Geläut nur halb: nicht Bim-Bam an beiden Seiten der Glocke, sondern nur Bim – Bim – Bim. Respektvoll mag ich nicht mehr aus ihr herausholen. Ich möchte die Pausen zwischen den Schlägen wahrnehmen, spüren, wie weit der Nachhall trägt. Nach einigen Minuten lasse ich die Glocke wieder ausschwingen. Die Glocke hat für ihre Größe einen beeindruckend langen, harmonischen Nachhall. Allmählich verebbt der Ton. Es wird still. Nur einige Staubfusseln wirbeln noch oben durch den Turm und leuchten ab und zu golden auf in einem der spärlich durchdringenden Lichtstrahlen. Die Aufzeichnungsgeräte werden ausgeschaltet. Heinrich hat gesprochen.
Das Filmchen beginnt chaotisch, zeigt dann aber alles wesentliche. Ich war doch etwas aufgeregt, etwas hektisch und mein Partner an der Kamera nicht minder. Nun, bei einer Premiere darf das so sein.

Im Anschluss werden wir von den Turmhütern zu einem unkompliziert improvisierten Festessen eingeladen. Widerspruch ist völlig undenkbar. Wir sitzen noch lange beisammen, vertieft in Gespräche über die wechselvolle Geschichte dieser Region.

Am 15. August fahren wir wieder nach Westen. Wir sind sicher, dass die polnischen Glockenhüter heute, am Tage Mariae Himmelfahrt, nach alter Tradition die der Gottesmutter geweihte Glocke nach Jahrzehnten der Stille erklingen lassen werden. Wir wissen die Glocke und den Turm in achtsamen Händen. Der Turm ist in die Liste der denkmalgeschützen Objekte eingetragen. Die Glockenhüter wollen mit den zuständigen Behörden nachhaltig den Kontakt pflegen, um erforderliche Sicherungsmaßnahmen zu besprechen. Ein Balken oben in der Spitze des Turms erschien morsch. Noch besteht kein Anlass zu drängender Sorge, weil darauf keine erkennbare statische Last liegt. Auch wäre zu klären, wie und wann geläutet werden darf. Der Eisenschlägel macht mir Sorgen. Eisen ist härter als Bronze und kann der Glocke bleibende Schäden zufügen. Am unteren Rand sieht sie etwas „ausgefranst“ aus. Man muß also achtsam an alles denken und Vorsorge treffen, dass diese eigenartige Glocke in ihrem altehrwürdigen Turm noch lange zu hören sein wird.

Ich würde mich sehr freuen, wenn kundige Leser mir Hinweise zur religiösen Geschichte Marienthals geben könnten. Besonders interessiert mich, warum und wie es zu dem vermuteten Marienwallfahrtsort, zu der Marienkapelle gekommen ist. Wurde hier ein prußisches Heiligtum umgewidmet? Gab es Marienerscheinungen? Wer weiß mehr oder kennt Quellen, die darüber Aufschluß geben? Nachricht bitte an ViktorHaupt@aol.com 


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